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Microsoft feiert seinen 50. Geburtstag. Das Unternehmen dominiert den Markt für Büro-Software und breitet sich auch in anderen Bereichen immer weiter aus. Experten warnen vor digitaler Abhängigkeit.
An einem Tag im Jahr 2022 klingelte das Telefon von Sascha Solbach. "Es war wie im Film", erinnert sich der Bürgermeister von Bedburg. Am Hörer hatte er die Wirtschaftsförderung des Landes Nordrhein-Westfalen. Ein großes Unternehmen wolle sich am nächsten Tag mit ihm treffen, man dürfe ihm aber nicht sagen, um wen es sich handelt.
Rechenzentren statt Braunkohle
"Noch vor dem Treffen musste ich eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschreiben", erzählt der Bürgermeister. Erst beim Treffen selbst erfährt er, wer da in seiner Stadt investieren will: Microsoft. "In so einem Moment kann man als Bürgermeister sein Glück kaum fassen", erzählt der SPD-Politiker.
Bedburg liegt zwischen Köln und Aachen, lange Jahre lebte die Stadt vom Braunkohletagebau. Seit klar war, dass Deutschland aus der Kohleverstromung aussteigen will, suchte Bürgermeister Solbach nach wirtschaftlichen Alternativen. Mit mäßigem Erfolg. Dann kam Microsoft mit den Plänen, Rechenzentren in der Region zu bauen.
"Wie die Verkündung des neuen Testaments"
Heute kann sich Bedburg kaum retten vor Anfragen von Tech-Unternehmen, die Standorte eröffnen wollen. Microsoft hat eine Sogwirkung. "Die Ansiedlung von Microsoft ist für unsere Region wie die Verkündung des neuen Testaments", schwärmt Solbach.
Statt von Kohle will Bedburg künftig von den Rechenzentren leben, die in der Stadt entstehen sollen. Der Bürgermeister rechnet mit 300 bis 400 Arbeitsplätzen, die Microsoft schaffen wird. Nicht wenig für einen Ort mit 26.000 Einwohnern, aber weit entfernt von den über 3.000 Arbeitsplätzen in der Kohle, die es noch vor kurzem in Bedburg gab. "Wir hoffen, dass andere Technologieunternehmen, die sich jetzt ansiedeln, zusätzliche Arbeitsplätze schaffen", sagt der Bürgermeister.
Der "goldene Käfig" von Microsoft
Was für Bedburg ein Segen ist, betrachtet Informatik-Professor Harald Wehnes als Fluch für Deutschland. "Die Abhängigkeit von Microsoft hat eine neue Dimension erreicht", so Wehnes, der an der Universität Würzburg lehrt. Mit seinem Windows-Betriebssystem und Office-Programmen wie Word beherrscht das Unternehmen bereits die privaten und dienstlichen Computer des Landes. Hinzu kommt das Cloud-Geschäft, in dem Microsoft zusammen mit den US-Techriesen Amazon und Google den Markt dominiert.
Die Cloud ist ein digitaler Zentralspeicher, in dem via Internet Daten abgelegt werden, unabhängig von der Festplatte einzelner Computer. Unter anderem für das "Cloud Computing" werden große Rechenzentren gebraucht, wie sie zum Beispiel in Bedburg entstehen.
"Microsoft versucht mit allen Mitteln, seine Nutzer in die eigene Cloud zu bringen", so Wehnes. "Wenn man da einmal drinsteckt, kommt man nicht mehr so leicht raus." Er spricht von einem "goldenen Käfig", in den sich Deutschland und Europa begeben hätten. Microsoft könne Preise diktieren; außerdem befürchtet er, dass die US-Regierung auf Daten zugreifen könnte.
Neue Abhängigkeit durch Künstliche Intelligenz
Die Abhängigkeit von Microsoft dürfte sich durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz weiter verstärken. Das Unternehmen könnte dadurch noch viel stärker in alle möglichen Bereiche eindringen, warnt Antonio Krüger, Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. "Microsoft könnte künftig in jeder deutschen Werkzeugmaschine stecken", so Krüger. Denn KI-Modelle werden zunehmend auch in der Industrieproduktion eingesetzt.
Angesichts der veränderten politischen Ausrichtung der USA drohen neue Gefahren. "Es besteht ein gewisses Risiko, dass Donald Trump uns den Technologiehahn zudreht", sagt KI-Forscher Krüger. Er plädiert deshalb dafür, in ein europäisches Ökosystem für Künstliche Intelligenz zu investieren.
Zölle gegen Microsoft?
Für Harald Wehnes hat die aktuelle Diskussion um den US-Präsidenten auch etwas Gutes. "Bisher fehlte der Druck, sich von Microsoft unabhängig zu machen", so der Informatiker. Durch Trump sei ein neues Bewusstsein entstanden.
"Die öffentliche Verwaltung sollte gezielt auf europäische Produkte setzen", schlägt Wehnes vor. In Deutschland biete zum Beispiel die Schwarz-Gruppe Cloud-Dienste an. Das Unternehmen ist vor allem wegen seiner Supermarkt-Ketten Kaufland und Lidl bekannt.
Außerdem fordert Wehnes Strafzölle auf digitale Produkte und Dienstleistungen aus den USA. Dabei gehe es nicht darum, Unternehmen wie Microsoft aus dem europäischen Markt auszuschließen, aber es brauche eben mehr Wettbewerb.
Bürgermeister bezeichnet Zusammenarbeit als vertrauensvoll
Die Diskussion über Trump und seinen Umgang mit Europa hat auch Bedburg erreicht. Er blicke mit Sorge auf die Entwicklungen in den USA, sagt Bürgermeister Solbach. Andererseits sei die bisherige Zusammenarbeit mit Microsoft sehr vertrauensvoll und verlässlich gewesen.
Außerdem verweist Solbach auf die Amtseinführung von Donald Trump. Anders als die Bosse von Meta, Google, Apple oder Amazon sei der Chef von Microsoft nicht vor Ort gewesen. "Das zeigt doch, wo das Unternehmen steht", sagt der Bürgermeister. Allerdings: Microsoft hat die Feierlichkeiten zur Amtseinführung, wie andere Tech-Unternehmen auch, mit einer Geldspende unterstützt.