
Sowohl im Norden als auch Süden des Gazastreifens greift die israelische Armee erneut an, die von der Hamas kontrollierten Behörden melden Dutzende Tote. Offizielles Ziel sind "Sicherheitszonen". Befürchtet wird eine dauerhafte Entvölkerung.
Israels Militär weitet seine Bodenoffensive im Norden des Gazastreifens aus, um eine größere Pufferzone entlang der Grenze zu schaffen. In den vergangenen Stunden habe man damit begonnen, im Viertel Schedschaija in Gaza-Stadt Einsätze durchzuführen, um die "Sicherheitszone" zu erweitern, teilte die Armee am Morgen mit.
Dabei seien zahlreiche Terroristen "eliminiert" und Infrastruktur der islamistischen Hamas zerstört worden. Vor und während der Angriffe ermögliche die Armee die Evakuierung von Zivilisten über vom Militär organisierte Routen, hieß es weiter. Zu möglichen Opfern machte die israelische Armee keine Angaben.
Verteidigungsminister Israel Katz hatte zuvor eine deutliche Ausweitung der Einsätze angekündigt. Ziel sei es, "das Gebiet von Terroristen und Terror-Infrastruktur zu säubern", hieß es in einer Mitteilung. Darin war auch die Rede von der Eroberung umfangreicher Gebiete, die israelische "Sicherheitszonen" werden sollten. Im Süden Gazas weitet die Armee ebenfalls ihre Einsätze aus.
Bewohner: Rafah wie ausgelöscht
Auch Rafah, ein wichtiger Grenzübergang zu Ägypten, soll Teil einer solchen Sicherheitszone werden, die das Militär besetzen will. Rafah "ist weg, es wird ausgelöscht", schilderte ein Familienvater die Lage mittels einer Chat-App. "Sie reißen alles nieder, was an Häusern und Eigentum übrig geblieben ist", berichtete der Mann, der aus Angst vor Konsequenzen namentlich nicht genannt werden wollte. Er zählt zu den Hunderttausenden, die aus Rafah ins benachbarte Chan Junis geflohen sind.
Die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde im Gazastreifen meldete, in den vergangenen 24 Stunden seien mindestens 97 Menschen getötet worden. Mehr als 27 Menschen seien auch bei einem Luftangriff auf ein Schulgebäude in Gaza gestorben. In der Schule hätten Vertriebene Schutz gesucht.
Seine langfristigen Ziele für die Sicherheitszone hat Israel offengelassen. Viele fürchten, Israel wolle diese Bereiche dauerhaft entvölkern und damit Hunderttausende obdachlos machen. Zudem haben die Truppen existenzielle Ressourcen wie landwirtschaftliche Flächen und Wasserversorgung beschlagnahmt. Seit Ablauf der ersten Phase des Waffenstillstandsabkommens Anfang März blockiert Israel Hilfslieferungen in den Gazastreifen. Die UN warnen mit Blick auf eine drohende Unterversorgung der 2,3 Millionen Einwohner des Gazastreifens vor einer humanitären Katastrophe.
Noch 59 Geiseln in Händen der Hamas
Trotz der angespannten Lage zeichnete sich keine Bewegung bei den Bemühungen um eine Reaktivierung der Feuerpause ab. Die Hamas lehnte es ab, auf einen von Israel unterbreiteten Gegenvorschlag einzugehen. Stattdessen pochte die palästinensische Gruppierung auf die ursprünglichen Vereinbarungen. Israel hatte nach zweimonatiger Feuerpause am 18. März die Kämpfe wieder aufgenommen. Hamas und Israel beschuldigten sich gegenseitig, Abmachungen nicht eingehalten zu haben.
Die Hamas hält noch immer 59 Geiseln gefangen, wobei unklar ist, wie viele von ihnen noch am Leben sind. Israel fordert, die Lebenden freizulassen und die Leichen der Gestorbenen zu übergeben, dann könne der Waffenstillstand verlängert werden. Erklärtes Ziel von Netanjahu ist die Vernichtung der Hamas. Die Hamas jedoch will die Geiseln nur freilassen, wenn zuvor ein dauerhaftes Ende des Krieges vereinbart wird.