9 months ago

Freie Software in der Schule: Ein OneNote sie zu knechten



Wie man als Lehrperson aus dem goldenen Käfig von One Note ausbrechen kann. Hier findet ihr Alternativen zur Microsoft-Notizanwendung.

Wer hat keine Hausaufgaben? Wer hat heute besonders gut mitgemacht? Lehrer:innen machen sich dazu gern Notizen. Digital ist das besonders einfach, aber man ist auch schnell im goldenen Käfig gefangen. Hier bekommt ihr den Ausbruchsplan - wie ihr eure digitalen Notizen befreit (speziell aus Microsoft OneNote), dabei die Daten eurer Schüler:innen schützt und auch noch viel Geld spart.

“Ist doch nur ein Notizprogramm” …

Mein Weg durch den Dschungel der Notizprogramme ist exemplarisch dafür, wie ein Programm User:innen auf Gedeih und Verderb an ein Betriebssystem und sogar an einen Rechnertyp ketten kann und wie man sich daraus befreit. Der langsame Weg in die Abhängigkeit, der kalte Entzug und die goldene Freiheit … all das liest ihr hier. Weil Microsoft 2021/22 die Desktop-Version von OneNote abkündigte und die Kunden zwang, das neuere OneNote zu benutzen, musste ich aus Datenschutzgründen acht Jahre Unterrichtsvorbereitung und mehrere tausend Notizen in ein anderes Programm importieren. Wegen des proprietären Formats war das schwierig, aber Linux war die Lösung.

Glücklich im Microsoft-Käfig

Ich bin Lehrer an einem südwestdeutschen Gymnasium für Deutsch und Geschichte. Im Unterricht mache ich mir viele Notizen. Außerdem setze ich gern Technik ein, zum Beispiel um die Schüler:innen mit Playmobil eine Odysseus-Sage nachspielen zu lassen. Das bedeutete Schlepperei: Der Ordner mit den Notizen, die Kamera, das Mikro usw. Vor gut zehn Jahren aber versprach Microsoft die Rettung: Der Tablet-PC sollte alles können: Notizen per digitalem Stift aufnehmen, Videos schneiden, Hörspiele aufnehmen usw. Ich investierte gut 1400 Euro in ein Microsoft Surface Pro 3 und noch einmal zig Euro in MS-Office und digitalisierte meinen kompletten Unterricht mithilfe von Microsoft OneNote. Und siehe da - es funktionierte! Das gilt vor allem für die echte OneNote-Desktop-App, die Microsoft, im Folgenden mit M$ abgekürzt, immer wieder mal umbenannte, die damals aber “OneNote 2013” hieß und gerne mit der neuen App für Windows 8 - “OneNote” verwechselt wurde, die zwar toll aussah und sich besser mit dem Finger bedienen ließ, die aber für die Schule ungeeignet war, weil alle Daten umgehend auf M$-Servern in den USA gespeichert werden. Da man als Lehrerin haufenweise sensible Daten sammelt, zum Beispiel Notizen über das Verhalten von Schülern, Noten, Elterngespräche usw., kam das nie infrage. Dieses Problem wird nachher noch die zentrale Rolle dabei spielen, weshalb ich den Weg von dieser proprietären App zur Open-Source-Alternative fand.

Doch der Reihe nach: Man muss den Redmondern lassen, dass sie zumindest bei diesem Programm innovativ waren. Bis heute überzeugend finde ich die Kombination aus Getipptem und Handgeschriebenem auf derselben Seite. Man kann Bilder und ganze PDFs auf eine OneNote-Seite einfügen und dann nach Belieben unterstreichen, Notizen machen. Im Unterricht kann man das wie einen Super-Overheadprojektor benutzen. Man kann Schülern ein Gedicht auf dem Tablet in die Hand drücken. Das Tablet ist mit dem Beamer oder der digitalen Tafel verbunden und wenn die Schüler etwas markieren, sehen es alle anderen. Apropos “mit dem Beamer verbunden” - das funktionierte auch ziemlich stressfrei und ausnahmsweise besser als unter Linux: Die Epson-Beamer an unserer Schule arbeiten mit dem Miracast-Protokoll und alle Android- und Windows-Geräte verbinden sich damit relativ anstandslos.  Unter Linux geht das meines Wissens nach nur mit der App “Gnome Netzwerkbildschirme”, die aber zumindest bei mir häufig keine Verbindung herstellen kann.

Trouble in Paradise

Natürlich gibt es auch bei OneNote kleine bis große Ärgernisse. Zum Beispiel kann man aus Versehen das eingefügte Bild oder PDF verschieben, die Notizen darauf bleiben aber stehen. Außerdem kann OneNote zwar mit dem Smartphone synchronisieren, aber dabei kommt es häufig zu Problemen. Trotzdem: Ich hatte immer meine ganze Unterrichtsvorbereitung dabei und wenn ich wollte, konnte ich die Notizen sogar im Internet publizieren, sodass Schülerinnen oder Schüler, die längere Zeit fehlen oder sich für das Abitur vorbereiten wollen, alles noch einmal in Ruhe nachlesen können. Ist das hier - mitten auf gnulinux.ch - ein Werbeartikel für Microsoft? Das dicke Ende kommt noch.

Hier kommst du nicht raus: Microsoft profitiert

Microsoft profitiert gleich mehrfach: Da die gesamte Unterrichtsvorbereitung in OneNote liegt, abonniere ich MS Office 365, weil ich das Programm eh brauche und es angeblich bei Office 365 regelmäßig Feature-Updates gibt. (Spoiler: Die gibt es nicht, im Gegenteil - die Desktop-Version von OneNote verliert Features, zum Beispiel die Funktion, direkt aus dem Programm heraus zu scannen.) Das nehme ich aber alles in Kauf. Ich sehe auch zu, wie mein erstes Surface Pro 3 genau nach drei Jahren den Geist aufgibt - der Akku verabschiedet sich von einem auf den anderen Tag. Der Akku ist verklebt und kann nicht gewechselt werden. Ich bin im “Lock-In” und kaufe ich mir ein neues Surface, das Pro 6, wieder für knapp 1200 Euro, mit Stift und Netzteil.

Paradise Lost

Microsoft verkündet dann aber 2021/22, dass man sich auf die Cloud-OneNote-Version konzentriere und kündigt die Desktop-Version ab. Man solle zeitnah auf das Cloud-OneNote umsteigen. Das ist das Ende für mich, denn nicht nur müsste ich auf viele Features verzichten, die das Desktop-OneNote hat und das neue OneNote nicht, sondern ich verstieße als Lehrer gegen Datenschutzgesetze, weil Notizen über Schüler auf keinen Fall in die US-amerikanische Cloud dürfen. Das “neue” OneNote speichert aber zwangsweise nur in der Cloud.

Raus aus der Matrix: Linux ist die Rettung

Nun war das Maß voll. Ich hatte so einiges geschluckt nur wegen OneNote. Word und Power-Point hatten mich nie groß interessiert, da habe ich schon immer Alternativen benutzt. Das Surface fand ich zwar gut, aber der fest verklebte Akku nervte, es ist ein Wegwerfgerät. Auch die vielen Inkonsistenzen in der nur scheinbar integrierten Microsoft-Welt und das MS-365-Abo hatte ich noch hingenommen, aber nun war das Maß voll. Ich musste hier raus. Aber das war gar nicht so einfach, denn OneNote kann zwar PDFs exportieren, aber da die Seiten keine Begrenzung haben, erhält man beim Export oft nur verwürfeltes Layout (dito beim Word-Export). Das eigene Format der App ist proprietär und von anderen Apps, auch Microsoft-eigenen, nicht zu öffnen. Die von mir seit Jahrzehnten abonnierte Zeitschrift “ct” brachte just im Januar 2022 einen großen Artikel zum Umstieg auf Linux, bei dem alle Distros, Desktop-Umgebungen usw. vorgestellt wurden. Ich entdeckte die wunderbare Welt der Distributionen und der Desktop-Umgebungen. Bald fand ich heraus, dass ich meine mehreren tausend OneNote-Notizen in Evernote importieren konnte. Von dort konnte ich sie in die Notizen-App Joplin importieren. (Achtung, Evernote hat vor Kurzem die Legacy-Version seiner App eingestellt, sodass dieser Weg nun versperrt ist, aber es gibt Workarounds, zum Beispiel hier, allerdings habe ich selbst nur den Export über Evernote getestet).



Anhänge über 10 MB pro Notiz musste ich zwar löschen, aber das war eine willkommene Gelegenheit auszumisten. Außerdem bemerkte ich, dass Joplin in einfache Textdateien exportieren kann. Zudem entdeckte ich noch Qownnotes für mich, eine weitere Notizen-App, die gleich in auch im Dateisystem sichtbare Textdateien speichert und wiederum aus Joplin und auch aus Evernote importieren kann. Die Größenbeschränkung gibt es hier nicht, dafür ist Qownnotes bei meinen über 5000 Notizen mit insgesamt knapp 5 GB deutlich langsamer als Joplin, obwohl Joplin eine Electron-App ist. Auf die beiden Notiz-Apps möchte ich hier nicht genauer eingehen, das ist ein eigenes Thema. Joplin und Qownnotes laufen beide auch auf Windows und Mac, Joplin auch auf Android und iOS.



Wie es mir gefällt - Freie Software

Ich erkannte die beiden größten Vorteile von Linux: Ich kann mir alles so einrichten wie ich will und muss nicht das machen, was eine große Firma von mir will. Und zweitens: Ich bin an nichts gebunden, weil nicht nur die Apps, sondern auch die Dateiformate offen sind. Genial finde ich auch, dass ich jederzeit wechseln kann, wenn mir etwas nicht gefällt, sowohl die Hard- als auch die Software. Seit ich zu Linux gewechselt bin, vermisse ich wenig, letztlich nur, dass ich in Joplin nicht direkt mit dem Stift hineinschreiben kann, wobei auch das seit einem Update geht, wenn auch noch nicht so elegant. Als Microsoft übrigens einige Monate später einknickte, weil viele gegen die Einstellung des Desktop-OneNote protestiert hatten und genau das Gegenteil verkündete - nun sollte das Cloud-OneNote eingestellt werden - bestätigte mich das nur in meinem Entschluss. Bei Linux bin ich mein eigener Herr und die Produzenten der Software gehen wesentlich mehr auf Wünsche der Community ein als Microsoft oder beispielsweise auch Apple. In Vielem funktioniert freie Software auch besser als proprietäre. Joplin und Qonnwnotes synchronisieren meine Notizen wesentlich stabiler als OneNote. Dass Linux auch auf alter Hardware viel schneller läuft, als Windows ist ein anderes Thema für einen anderen Artikel über freie Software in der Schule. Danke an die vielen Entwicklerinnen und Entwickler und an die Community.

Quellen:
https://joplinapp.org/
https://www.qownnotes.org/


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