1 month ago

Zum Wochenende: Lalala, ich kann dich nicht hören



Die Schweizer Bundesregierung gesteht ihre Abhängigkeit von Microsoft und plant eine Exit-Strategie. Wie weit ist diese gediehen?

In der Psychologie kennt man den Ostrich-Effekt, auch Vogel-Strauss-Taktik genannt. Diese Begriffe beschreiben das Phänomen, bei dem Menschen Probleme oder unangenehme Realitäten ignorieren oder verdrängen, anstatt sich ihnen zu stellen. Das wissenschaftlich korrekte Wort dafür lautet Kognitive Dissonanz.

Das Titelbild (Der Fuchs und die Trauben) verdeutlicht es: Der Fuchs verspürt den Wunsch nach süssen Trauben. Zugleich bemerkt er ihre Unerreichbarkeit. Die Dissonanz löst er mit der Überzeugung, die Trauben seien ohnehin sauer.

Alles wissen es, alle haben es gelesen und verstanden. Doch alle verweigern sich den Konsequenzen. Das liegt an der Binsenweisheit, dass noch niemand entlassen wurde, der bei Microsoft eingekauft hat. Wer nicht bei Microsoft einkauft, riskiert seine berufliche Karriere. Entscheidungsträger (ich spare mir hier das ":innen") in Firmen, Organisationen und Behörden haben üblicherweise das 50ste Lebensjahr überschritten. Damit möchte ich nicht die Weisheit von gut abgehangenen Managern infrage stellen (ich bin ja selbst einer), sondern die Nähe zur Pensionierung und die Schwierigkeit, einen neuen Job ab diesem Alter zu finden. Ab 50 triffst Du keine riskanten IT-Entscheidungen. Ausser, Du hast wirklich Ovale im unteren Kleidungsstück.

Wie so oft zum Wochenende gibt es eine Vorrede, bei der niemand weiss, worum es dem Autor geht. Der Auslöser für diesen Beitrag ist eine Medienmitteilung des Schweizer Bundesrats (ähnlich wie die deutsche Bundesregierung, bzw. das Kabinett). Diese Mitteilung ist zwar schon ein Jahr alt, deshalb jedoch nicht weniger bedeutsam:

Bern, 15.02.2023 - Nach einer gründlichen Prüfung und einer bereits länger andauernden Testphase wird die Bundesverwaltung Microsoft 365 als neue Office-Version einführen. Der Bundesrat hat dafür am 15. Februar 2023 einen Verpflichtungskredit über 14,9 Millionen Franken genehmigt. Die Migration wird bis voraussichtlich 2025 dauern.

So weit, so schlecht. Der interessante Teil findet sich am Ende dieser Mitteilung. Dort heisst es:

Faktisch ist die Bundesverwaltung heute abhängig von Office-Produkten des Herstellers Microsoft. Ein Anbieter- und Produktewechsel wird zurzeit als zu risikoreich und aufgrund der zahlreichen Abhängigkeiten zu Fachanwendungen als zu aufwendig beurteilt.

Da fehlt nur noch das Wort "alternativlos". Ich finde es bemerkenswert, dass eine Regierung ihre Abhängigkeit erklärt und diese offenbar hinnimmt. Man kann den Vergleich zur Gasabhängigkeit von Russland in Deutschland ziehen. Dort hat man die Abhängigkeit entdeckt, aber nicht hingenommen. "Gas aus Russland" wurde nicht alss "alternativlos" erklärt, sondern erhebliche Anstrengungen unternommen, um sich aus der Abhängigkeit zu lösen. Dort wurde im letzten Jahr 59 % des Energiebedarfs durch Erneuerbare gedeckt; 3 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

Doch zurück in die Schweiz. Unter dem oben genannten Zitat heisst es weiter:

Zur mittel- bis langfristigen Reduktion der Abhängigkeit wird die Prüfung von Alternativen zu Microsoft 365 weitergeführt. Im Rahmen einer Exit-Strategie prüft der Bereich DTI der Bundeskanzlei auch Open-Source-Alternativen.

Ende 2024 verabschiedet der Bundesrat die Strategie Digitale Schweiz 2025. Darin werden drei Fokusthemen für 2025 formuliert:

  • Künstliche Intelligenz: Regulierung in der Schweiz und Einsatz von KI-Systemen in der Bundesverwaltung
  • Informationssicherheit und Cybersicherheit für die gesamte Schweiz stärken
  • Open Source in der Bundesverwaltung fördern

OK, ich muss den Artikeltitel relativieren:

"Lalala, ich kann dich nicht hören", ist Realitätsverweigerung und vermeintliche Alternativlosigkeit. Das ist hier nicht der Fall. Die Abhängigkeit wurde erkannt und eine Exit-Strategie wurde aufgerufen. Diese Strategie wird durch einen Aktionsplan untermauert, der 104 Einzelaktionen umfasst. Sucht man darin nach "Open Source", findet sich ein Dokument mit dem Titel:

Umsetzung der Open Government Data Strategie (2019 – 2023) und Einführung von «open by default»

Merkt ihr es? Das bezieht sich auf den Zeitraum 2019 bis 2023. Zur Exit-Strategie für 2025 konnte ich leider nichts finden. Vielleicht habe ich nicht gründlich genug gesucht. Ich werde bei der Bundeskanzlei nachfragen, ob ich etwas übersehen habe.

Während ich frage, wünsche ich euch ein entspanntes Wochenende.

Titelbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fox_%26_Grapes.jpg

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz

https://www.careelite.de/vogel-strauss-taktik/

https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen/bundesrat.msg-id-93076.html

https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/20250103_smard.html

https://www.bk.admin.ch/bk/de/home/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-103560.html

https://digital.swiss/de/aktionsplan/

https://digital.swiss/de/aktionsplan/massnahme/umsetzung-der-open-government-data-strategie-2019-%E2%80%93-2023)-und-einfuhrung-von-open-by-default


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