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Unions-Spitze: Foto ohne Frauen: "Mäuschen, magst du uns mal 'nen Kaffee holen?"



Die Unions-Spitze hat sich zur Beratung getroffen. Doch statt Aufbruchsstimmung löste ein Foto des Treffens Häme, Empörung und bissige Memes aus.

Mit Vollgas zurück in die Vergangenheit. Ein Foto sorgt gerade landauf, landab bei Betrachtenden für empörtes Schnauben, verdrehte Augen oder nur noch ein müdes Seufzen. Darauf zu sehen: sechs Männer mittleren Alters, die in die Kamera grinsen, als hätte man sie gerade beim Erzählen eines Witzes unterbrochen, von dem sie froh sind, dass ein Foto ihn nicht dokumentieren kann. Sie sitzen an einem Frühstückstisch vor einer wilden Mischung aus Müsli mit Beeren (das sie sicher nur stellvertretend für all die nicht im Raum anwesenden Frauen herunterwürgen – die mögen es doch gesund und wollen nicht dick werden!) und großen Tellern mit deftig belegten Butterbroten (man braucht ja was Vernünftiges). 

Da sitzen sie: Friedrich Merz, Markus Söder, CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, CSU-Mann Martin Huber, Ex-Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und Thorsten Frei, parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion. Die Herren hätten sich zu "enger Abstimmung" im Berliner Konrad-Adenauer-Haus getroffen, sagt Markus Söder. "Die neue syrische Regierung wird wahrscheinlich vielfältiger als das Verhandlungsteam der Union", spottet Grünen-Chefin Franziska Brandner.

Wo war die PR-Beraterin, als man sie brauchte?

Anteil von Frauen in der echten Welt: Gut 50 Prozent. Anteil an Frauen im Raum, als CDU und CSU die Zukunft planen: null Prozent. Selbst Ulf Poschardt, "Welt"-Chefredakteur und berüchtigt als eine der wohl anti-wokesten Personen der BRD, twitterte entnervt: "Dieses Foto zeigt (...), wie wenig weite Teile der bürgerlich-konservativen Welt in der Gegenwart angekommen sind. Sowas ist einfach indiskutabel. Und das sollte jeder der Abgebildeten wissen." In seinen Kommentaren versuchen einige verletzte Männerseelen zu diskutieren: "Solange niemand aufzeigen kann, dass Frauen diskriminiert wurden bei Posten wie Generalsekretär oder Landesgruppenvorsitzender, ist mir egal, ob da nur Männer sitzen", heißt es da etwa. 

Und damit wird unbeabsichtigt ein Finger in die Wunde des mutmaßlichen Frauenbildes der Union gelegt. Denn natürlich gibt es Frauen in CDU und CSU. Ein paar zumindest. Und die besetzen durchaus auch höhere Posten. Einige werden sicherlich sogar in der zukünftigen Regierung vertreten sein, vielleicht als Bildungsministerin. Oder Familienministerin. Oder Frauenbeauftragte. Aber die wirklichen "Entscheider", diejenigen, die jetzt über die kommenden vier Jahre diskutieren – die sitzen hier, und das sind natürlich Männer. Die Damen dürfen später als Dekoration dazukommen.

… und wie viele Frauen?

Man kennt das. Vielleicht erinnern sich einige noch an die Ära Kohl. Oder so ziemlich jede Ära davor. Und es ist beim Betrachten dieses Fotos quasi spürbar, wie verzweifelt die Abgebildeten diese Zeit zurückwollen. Als Männer noch denken durften, sie seien Macher. Bestimmer. Anführer. Und der Druck auf Frauen durch Gesellschaft und Politik noch groß genug war, dass sie die Männer, mit unsichtbar geballten Fäusten, in diesem Glauben gelassen haben. Hach, war das schön. Damals, als man unbequemen Emanzen den Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes halt bei Bedarf mit würdeschwerer Stimme, aber einem neckischen Augenzwinkern vortrug.

Die Frauen dürfen doch laut Gesetz inzwischen alles! Sie schaffen es bloß so selten nach ganz oben, weil sie nicht gut genug sind, nicht gut genug verhandeln, nicht laut genug sind, zu laut sind, zu mädchenhaft, zu herrisch, zu gut verhandeln, wir wollen sie einfach nicht, wir wollen ungestört schmutzige Witze machen, sie sollen sich besser um die Kinder kümmern oder uns Teller mit deftigen Butterbroten zubereiten. 

Ein Foto, das bereits als Meme geboren wurde

Das Problem an der Vergangenheit ist bloß: Sie ist vorbei. Heute gibt es nicht nur das Internet, das skrupellos Feedback zu allem gibt. Die Menschen sind in den vergangenen dreißig Jahren auch freier, selbstbewusster und aufmerksamer geworden, was Ausgrenzung und Ungleichheiten angeht. Das unglückselige Foto, das Markus Söder so stolz mit der Welt teilte, blieb natürlich nicht unkommentiert. "Auf diesem Foto sind mehr Türen als Frauen", spottet ein Nutzer. "Warum Frauen angeblich überwiegend linke Parteien oder die Grünen wählen, in a nutshell", kommentiert jemand anderes weise. Und einer legte den Herren ein "Mäuschen, magst du uns mal 'nen Kaffee holen?" in den Mund.

Ein Bild wie dieses hat in der heutigen Zeit ein bereits vorbestimmtes Schicksal: Es wird zum Meme. Schnell machte es die Runde im Netz, mit bissigen Kommentaren der Ersteller versehen:

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Sind es am Ende verletzte Gefühle?

Es ist, zugegeben, wenig überraschend, dass eine Gruppe mittelalter weißer Männer sich eine Welt zurechtzimmern will, in der alles nach ihren Wünschen und Bedürfnissen läuft. Aber speziell im Fall von Friedrich Merz beschleicht einen am Ende doch auch das Gefühl, dass es nicht nur die Sehnsucht nach angeblich besseren vergangenen Zeiten, angeblichen konservativen Idealen und verstaubten Traditionen ist, die ihn antreibt. Vielleicht sind es vor allem 16 Jahre, in denen das Land – sicher nicht perfekt, aber souverän – von seiner eigenen, konservativen Partei regiert wurde … aber von einer Frau. Einer, die weltweit geachtet und gar von ausländischen Medien als mächtigste Frau der Welt bezeichnet wurde. Und – die bekanntlich gar nichts von ihm hielt.

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