2 days ago

Reisners Blick auf die Front: "Auf dem Fluss hilft den russischen Soldaten keiner"



Am Oskil-Fluss wachsen die Brückenköpfe der Russen. Doch die Überfahrt ist für sie hochriskant. Wenn ukrainische Drohnen das Boot angreifen, bleibt den Soldaten oft nur der Sprung ins Wasser, erklärt Oberst Reisner ntv.de.

ntv.de: Herr Reisner, die ukrainische Seite teilt mit, sie habe vier russische Hubschrauber erfolgreich angegriffen, die nahe Belgorod auf russischem Terrain stehen sollen. Der Angriff sei mit Himars-Raketenwerfern durchgeführt worden, heißt es. Sehen Sie diese Meldung belegt?

Markus Reisner: Das Video, das die Ukrainer dazu teilen, ist etwas unscharf und aus größerer Distanz mittels Drohne aufgenommen. Der Einschlag der Geschosse ist sichtbar, aber nicht, ob die dort stehenden russischen Hubschrauber zerstört oder nur beschädigt werden. Exakte Details sind auf dem Video nicht erkennbar, aber meiner Ansicht nach ist die Treffermeldung glaubwürdig und ein großer Erfolg dieses Wochenendes.

Das Himars-System war lange Zeit über eingeschränkt effektiv, weil die russische Abwehr sich auf die Raketen eingestellt hatte und sie sehr gut abwehren konnte. Wie kommt dieser Erfolg nun zustande?

Die russischen Störsysteme arbeiteten mittlerweile sehr wirksam gegen Himars-Raketen, das stimmt, aber nicht flächendeckend. Darauf hat sich wiederum die Ukraine eingestellt. Statt Hochwertziele ins Visier zu nehmen wie am Anfang, ist man auf Ziele von niedrigerer Priorität umgestiegen. Solche Angriffe haben wir in der jüngeren Zeit immer wieder gesehen, zum Beispiel gegen Übungsplätze, wo russische Soldaten ausgebildet werden. Auf dem Feld im Raum Belgorod, auf dem die vier Hubschrauber standen wurde ein Behelfsflugplatz zur Betankung eingerichtet. Hier können Himars angreifen, weil ein solcher Ort nicht unbedingt durch Fliegerabwehrsysteme geschützt wird. Anders wäre es bei Gefechtsständen oder Munitionslagern zum Beispiel, diese schützen die Russen in Frontnähe mittlerweile gegen Angriffe aus der Luft.

Lässt sich sagen, warum die vier Hubschrauber genau dort standen?

Das war ein provisorischer eingerichteter Feldflugplatz, ein sogenannter Forward Arming and Refuelling Point, kurz FARP genannt.

Auf deutsch in etwa ein "Vorgeschobener Versorgungspunkt" in Frontnähe.

Ich nehme an, dass die Russen den Flugplatz kurzfristig eingerichtet hatten, weil ukrainische Truppen in Belgorod vor 48 Stunden mit kleinen Kampfgruppen die Grenze nach Russland überquert haben, um dort neuerlich russische Kräfte zu binden. Ein Vorgang der in den letzten Jahren immer wieder passierte. Die erste Reaktion der Russen ist immer der Einsatz von Kampfhubschraubern. Meist werden dabei zwei Kampfhubschrauber vom Typ Mi-24/35, Mi-28 oder Ka-52 sowie zwei Transporthubschrauber vom Typ Mi-8 oder Mi-17 eingesetzt. Letztere verfügen über elektronische Störeinrichtungen und führen Evakuierungsteams mit. Sollte einer der beiden Kampfhubschrauber abgeschossen werden, versuchen die Teams sofort die kostbaren Besatzungen zu bergen. Die Helikopter sind auf diesem Feldflugplatz gelandet und wurden betankt und aufmunitioniert. Die Ukrainer haben dies mit einer Drohne aufgeklärt und angegriffen.

Sie sagen, Himars kann dort erfolgreich sein, wo weniger relevante Ziele von russischer Seite nicht geschützt werden. Gibt es denn eine Abwehrmöglichkeit gegen die Raketen nur direkt am Ziel? Nicht etwa schon auf dem Weg dorthin?

Doch, die gibt es. Neben der Möglichkeit einer kinetischen Abwehr, indem ich die einfliegende Rakete bereits vor dem Zielort mittels Fliegerabwehr abschieße, ist es auch noch folgendes möglich: Mithilfe von elektronischen Störmitteln gegen das GPS-Navigationssystem kann man die Rakete daran hindern, ihre vorgegeben Zielkoordinaten korrekt auszulesen. Die Rakete kann also ihr Ziel nicht mehr punktgenau ansteuern und schlägt daneben ein. Eine dritte Möglichkeit wäre natürlich auch, den Raketenwerfer selbst, also das Himars-System, zu zerstören.

Der ukrainische Generalstab meldete am Wochenende für die russische Seite außergewöhnlich hohe Verlustzahlen von Artilleriesystemen. Doppelt so viele zerstörte Systeme wie sonst meistens. Lässt sich das erklären?

In den Quellen, die ich auswerte, sind mir keine besonders höheren Verlustzahlen für russische Artillerie begegnet. Man muss sehr vorsichtig bei solchen Bilanzen sein, auf beiden Seiten. Hat irgendjemand das wirklich alles gezählt? Ich verlasse mich auf Gruppen, die sich die Mühe machen, solche Bilanzen auch bildlich, also mittels Videos der zerstörten Fahrzeuge, darzustellen. Beeindruckend war aus meiner Sicht in der vergangenen Woche ein Video, das über mehrere Minuten einschlagende russische Geran-2 Kampfdrohnen in Odessa zeigt. Diese mit Sprengstoff beladenen Drohnen kommen aus etwa 2000 Meter Höhe in einem steilen Winkel herunter und schlagen in einem sehr engen Raum präzise ein. Das war ungewöhnlich.

Eine taktische Veränderung seitens der Russen?

Ja, die Drohnen legen einen großen Teil ihrer Strecke im Tiefflug zurück, steigen dann plötzlich in große Höhe auf und greifen ihr Ziel im Sturzflug an. Eine solche Drohne zu bekämpfen, ist enorm schwierig, das Zeitfenster zur Gegenwehr ist sehr kurz.

Wie schnell ist solch eine Kampfdrohne denn im Sturzflug?

Im normalen Flug erreicht sie eine Geschwindigkeit von etwa 240 Kilometer pro Stunde. Im Sturzflug wird sie das Tempo erhöhen, ich schätze mindestens 300 bis 400 Kilometer pro Stunde kann sie schnell werden. Aus 2000 Metern Höhe trifft sie ihr Ziel vermutlich in weniger als 30 Sekunden Flug. Da bleibt nicht viel Zeit zur Abwehr. Erschwert wird diese noch, wenn sich mehrere Fluggeräte gleichzeitig auf diese Art in die Tiefe stürzen. Angesichts des russischen Bildmaterials, das die Einschläge in Odessa zeigt, mussten die Ukrainer selbst zugeben, dass sie sich gegen die Drohnen im Sturzflug nicht gut zur Wehr setzen können.

Beim Blick auf die übrigen Frontabschnitte hatten wir vergangene Woche festgestellt, dass sich einige Kampfzonen etwas beruhigt hatten. Wie sieht es aktuell aus?

Im Raum Kursk ist nur noch ein sehr schmaler Streifen entlang der Grenze in ukrainischer Hand. In der Breite zwei bis fünf Kilometer. In dem Gebiet, das die Russen bereits zurückerobert haben, dokumentieren sie das zerstörte ukrainische Gerät. Mit diesen Bildern wird deutlich, dass die Ukraine hohe Verluste gehabt haben muss. Die zurückgehenden ukrainischen Verbände haben wirklich nahezu alles zurückgelassen und nur noch versucht, ihre Soldaten zu retten.

Und bei Charkiw und im Donbass?

Bei Charkiw ist die Lage unverändert. Bei Wowschansk drücken die Russen in Richtung Südosten. Ziel ist ein Zangengriff um ein großes Stück ukrainisches Territorium abzutrennen. Zu diesem Zweck ist man bei Wowschansk aktiver, dort greifen die Russen vor allem mit Gleitbomben an. Gegenüberliegend bei Kupjansk bereiten die Russen ebenfalls einen weiteren Vorstoß vor. Hier am Oskilfluss weiten die Russen ihre Brückenköpfe jenseits des Flusses aus, also am westlichen Ufer. Auch in russischen sozialen Netzwerken geht man davon aus, dass hier versucht werden könnte, in Richtung Wowschansk vorzustoßen. Im Donbass bei Pokrowsk wird wieder heftiger gekämpft. Dort versuchen die Ukrainer, die unterbrochene Eisenbahnlinie wieder frei zu bekommen.

Wenn Sie sagen, die Russen weiten ihre Brückenköpfe jenseits des Oskil aus: Wie aufwändig ist es, da Leute nachzuschieben? Die müssen ja alle den Fluss überqueren.

Die russische Armee will dort mehr Kräfte bereitstellen, um in einer Zangenbewegung ein großes Stück ukrainisches Gebiet zu erobern. Es gibt drei Übergangsstellen über den Fluss: bei Sapatne, bei Orischna und Novo Olinsk. Die Russen versuchen Pionierbrücken zu legen, doch die Ukrainer zerstören diese Provisorien immer wieder. Die Russen müssen also versuchen, mit kleinen Gruppen von Soldaten überzutreten.

Wie bekämpfen die Ukrainer diese Versuche?

Sie erkennen die Positionen der russischen Soldaten mit Aufklärungsdrohnen und setzen dann Fist-Person-View-Drohnen oder Artillerie ein, um diese Gruppen gezielt zu bekämpfen.

Zu welchem Zeitpunkt erkennen die Russen im Boot die heranfliegende Kampfdrohne? Haben sie dann noch eine Chance, sich zu wehren - mitten auf dem Fluss?

In der Phase des Übersetzens über den Fluss hilft ihnen keiner. Die nahende Drohne ist zuerst zu hören, bevor man sie sieht. Ein durchdringendes Geräusch - dann weiß man, dass sie da ist. Oft wird dieses Geräusch vom Bootsmotor überdeckt. Die Soldaten können versuchen, die Drohnen mit Schrotflinten oder spezieller Streumunition abzuschießen. Wenn das nicht gelingt und die Drohne einschlägt, werden die Soldaten, auf engstem Raum zusammengedrängt, schwer verletzt oder getötet. Manche Videos zeigen auch, wie Männer sich in ihrer Not, wenn sie die nahende Drohne entdecken, einfach vom Boot aus ins Wasser fallen lassen. Das ist im Sommer machbar, aber im Winter haben sie kaum Chancen zu überleben. Das erinnert an die Kämpfe bei Krinky bei Cherson. Dort haben das Gleiche die Ukrainer versucht. Der Oskil ist aber wesentlicher schmäler als der breite Dnepr.

Auch hier, wie an so vielen Orten, wo gekämpft wird, setzen die Ukrainer sehr effektvoll Drohnen ein. Wie ist die Nachschubsituation? Können die Truppen aus dem Vollen schöpfen?

Die Ukraine stellt viele Drohnen inzwischen im Land selbst her, nutzt aber auch Drohnen aus deutscher Produktion. Die süddeutsche Firma Helsing baut Kampfdrohnen des Typs HX2, ähnlich der großen russischen Lancet-Drohne und mit etwa 100 Kilometern Reichweite. 1000 Drohnen pro Monat ist das Produktionsziel, und die gehen in die Ukraine. Mit Blick auf Kampfdrohnen konnte die ukrainische Seite tatsächlich einen konstanten Zulauf an Waffen erzeugen und ist in der Lage, ihre einzelnen Verbände zu unterstützen. Nur darum hält sie die angreifenden Russen im Donbass noch immer auf Distanz.

Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer

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