6 months ago

Nahost: Der Friedensstaat DDR – oder wie wir uns selbst betrügen



Pünktlich vor den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen rollte die nächste Ostalgie-Welle durch Netz und Medien. Das ist kein Zufall. 

Zwei Jahre, bevor alles anders wurde, kaufte ich eine Simson 51 electronic. Ein Mokick, wie es neumodisch hieß, mit 3,7 PS, produziert in Suhl. Das "electronic" stand dafür, dass am Lenker ein Drehzahlmesser befestigt war. Die Maschine war grün, "billardgrün", so stand es auf dem Beipackzettel. 

Die S51 kostete all mein Geld, von der Taufe, über die Jugendweihe bis zur Ferienarbeit. Aber sie war es wert. Ich konnte mit ihr zum Waldbad ins Nachbardorf fahren, zur Schule ins nahe Städtchen oder zur Disco in die Festhalle. 

Ich war 15 und endlich frei!

Nahost Martin Debes

Na gut, nicht ganz. Ich lebte in der Deutschen Demokratischen Republik, in der die sogenannte Demokratie darin bestand, dass die per Einheitslisten gewählten Volksvertreter abnickten, was die Staatspartei SED entschieden hatte.

Die DDR war eine Diktatur. Diese Tatsache wird auch nicht dadurch relativiert, dass sie keinen massenmörderischen Rassismus und keine Welteroberungsphantasien propagierte, sondern soziale Gleichheit und natürlich den Weltfrieden. 

DDR war eine Diktatur

Zu dieser Erkenntnis musste ich mich nach 1989 zugegebenermaßen erst durchringen. Doch die Beweislage ist eindeutig. Es gab keinen Rechtsstaat, zumindest nicht für die, die das Diktat der SED nicht akzeptierten. Es gab keine freien Wahlen, keine freie Presse, keine Gewaltenteilung und keine Möglichkeit, das Land selbstbestimmt zu verlassen. Wer nicht spurte, wurde bespitzelt oder eingesperrt. Und wer die Grenze in die falsche Richtung übertrat, musste damit rechnen, erschossen zu werden. 

Okay, meinetwegen war die DDR, wie Günter Grass sagte, eine "kommode Diktatur". Das galt aber nur für die, die mitmachten. Und ich machte Günter-Grass-mäßig mit.

Ich, der Gratisheld

Jungpionier, Thälmann-Pionier, FDJ, das ganze Programm. Zum Finale hin wurde ich, allerdings nur im Gefolge meiner mutigeren Eltern, auch etwas aufmüpfig. Ich besuchte ein paar Friedensgottesdienste und hängte gemeinsam mit einem Freund den Aufruf des Neuen Forum in der Schule auf, sogar mit Unterschrift.

Freundlicherweise trat kurz darauf Erich Honecker zurück, und ich konnte mich unbestraft als Gratisheld fühlen. Ja, es gibt ihn, den Opportunismus der Revolution.

Falls ich noch Restzweifel am Wesen der DDR gehabt haben sollte, so vergingen sie im Studium. Für meine Magisterarbeit arbeitete ich mich durch die Stasiakten der Menschen, die gewagt hatten, gegen die SED zu opponieren. Und ich las die Berichte jener Menschen, die das getan hatten. Davor, wer weiß, hatte mich womöglich nur meine Minderjährigkeit bewahrt.

Und trotzdem: Es ist so, dass ich, wenn eine restaurierte S51 an mir vorbeituckert, tief einatme. Der Geruch des Benzin-Öl-Gemischs löst in mir ein schmerzlich sentimentales Gefühl aus. 

 SED-Staatschef Erich Honecker mit dem Verteidigungsminister und anderen hohen GenerälenAlles für den Weltfrieden: SED-Staatschef Erich Honecker mit dem Verteidigungsminister und anderen hohen Generälen
© Burkhard Lange

Mit der Erinnerung ist das eben so eine Sache. Unser Gehirn selektiert, vergisst und verfälscht, bis sich eine sehr subjektive Sichtweise der Dinge eingeprägt hat, die wir uns dann wiederum durch die subjektive Sichtweisen anderer bestätigen lassen, sei es in Büchern, von Parteien oder durch die Algorithmen der sozialen Medienblasen.

So kann die Perspektive entstehen, dass die DDR so etwas war wie ein tyrannischer Vater, der, wenn man sich nur hübsch brav verhielt, einem als lieber Papa ein Softeis spendierte. Dann wird auch eine Diktatur zu einem heimeligen Ort. 

Dort gab es zwar keine Milka, aber Knusperflocken. Und dort gab es zwar kein Hotel auf Mallorca, aber den Zeltplatz in Prerow. Außerdem: Erzog uns die Mangelgesellschaft nicht zu Bescheidenheit? Ich jedenfalls konnte mich noch über eine BASF-Kassette (90 Minuten, Chromdioxid) aus dem Intershop mindestens ebenso freuen wie heute meine Kinder über ihr drittes IPhone. 

Wir hatten mehr Haare und weniger Gewicht

Und durften wir nicht damals noch auf unseren Staat stolz sein? Wir waren arm, das ja, aber dafür die antifaschistische Avantgarde der Geschichte. Und wir standen dank unseres ausgezeichneten VEB Jenapharm bei Olympischen Spielen nicht auf Platz sonstwo, sondern weit vorne, vor dieser eingebildeten Federal Republic of Germany.

Zumal wir damals so viel jünger waren. Wir sahen besser aus, hatten mehr Haare und weniger Gewicht und glaubten sogar noch an etwas, und sei es an den Sozialismus. 

Das wird jetzt ausgenutzt. Man kann sich so leicht selbst betrügen. Und betrogen werden. 

Ein bisschen Frieden

Insbesondere im Internet vermischen sich Propaganda mit Putinismus und Pandemietraumata mit den sorgfältig kuratierten Erinnerungen an Plattenbauten, Pionierlager und Plasteelasteprodukte zu dem untrüglichen Gefühl, dass, wenn die DDR schon eine Diktatur gewesen soll, die jetzige BRD auch eine ist – und zwar die schlechtere.

Gemäß dieser Logik wird auch die ganz und gar durchmilitarisierte DDR jetzt nachträglich zum Friedensstaat. Schließlich redete der Erich mindestens so häufig über Abrüstung wie jetzt der Wladimir, die Friedenstaube aus Moskau. Und wenn damals irgendwo die Panzer der friedensliebenden Sowjetarmee auffuhren, in Prag oder in Kabul, dann waren allein die anglo-amerikanischen Imperialisten schuld. So wie heute in der Ukraine.

Tja. Nun will ich die Existenz der anglo-amerikanischen Imperialisten und ihre tatsächlichen zahlreichen Kriege nicht leugnen. Ich will nur noch rasch davon erzählen, wie ich kürzlich auf einer Geburtstagsparty war. Sie fand in einem alten Ferienlager im Wald statt, und als ich dort ankam, fröstelte ich, obwohl es sehr warm war.

Kolumne Fernost 2 9.18

Ich war dort nur einmal gewesen, und es war lange her. In den Baracken, die noch nach DDR-Linoleum rochen, hatte ich in der 9. Klasse mein Wehrlager absolviert. Drei Wochen Drill und Rotlicht-Bestrahlung, also Marxismus-Leninismus für ganz Dumme. 

Wir nahmen im Akkord die Gewehre auseinander und setzten sie wieder zusammen. Wir schossen mit der AK47 im Schießstand, bis uns die Ohren dröhnten. Wir rannten bis zum Erbrechen, und das ist wörtlich gemeint, mit Gasmarke und voller Montur den Berg hinauf. Ein Offiziersschüler führte uns vor, wie ein Mensch ohne Waffe getötet wird: Einfach mit beiden Daumen den Kehlkopf eindrücken, und fertig.

Aber hey, kurz darauf bekam ich meine S51. Es war nicht alles schlecht.

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