Politikwende? Sehr gern – aber bitte nicht so. Nach der Wahl stellen Frauen im neuen Bundestag nur noch weniger als ein Drittel aller Abgeordneten. Das geht nicht.
Sechs Männer im Anzug sitzen breitbeinig an einem Tisch und grinsen selbstzufrieden in die Kamera. Auf dem gedeckten Konferenztisch stehen in der Mitte drei Frühstücksplatten mit Obst, Käse und gerollten Wurstscheiben, daneben kleine Gläser mit Orangensaft und ein Rondell mit Coca-Cola-Flaschen. Was auf den ersten Blick aussieht, wie die Vorstandssitzung eines Dax-Unternehmens in den 90ern, ist eine Runde führender Politiker von CDU und CSU rund um Friedrich Merz, die darüber beraten, wie es in der neuen Bundesregierung weitergeht.
"Wir sind bereit für einen Politikwechsel in Deutschland", kommentiert Markus Söder das Foto, das er auf Instagram hochgeladen hat.
Dabei steht das Foto sinnbildlich für das, was bei CDU und CSU schiefläuft. Diversität? Fehlanzeige. Frauenanteil? Weit unter 30 Prozent. Und das hat Auswirkungen auf den Bundestag: Die Union ist mit 208 Sitzen stärkste Fraktion. Der Frauenanteil liegt aber nur bei mickrigen 22,6 Prozent, weit unter einem Drittel. Das wirkt sich auf den Frauenanteil im gesamten Bundestag aus: Von insgesamt 630 Abgeordneten sind nur 204 Frauen und 426 Männer. Ihr Anteil liegt bei 32,4 Prozent. Er ist zudem um 2,3 Prozentpunkte niedriger als nach der Wahl 2021 (34,7 Prozent). Selbst 2013 waren Frauen mit 36,5 Prozent besser vertreten.
Vor rechts fehlen die Frauen
Der geschrumpfte Frauenanteil im Vergleich zu 2021 liegt aber nicht nur an der Union. Zweitstärkste Kraft mit 152 Sitzen ist die AfD, und obwohl die Partei mit Alice Weidel eine Kanzlerkandidatin gestellt hat, sucht man nach weiblichen Abgeordneten beinahe vergebens. Mit 11,8 Prozent ist ihr Frauenanteil von allen Parteien am niedrigsten. 2021 waren es noch 13,3 Prozent.
Dabei sind es vor allem junge Frauen gewesen, die sich gegen einen Rechtsruck stellten. Hat die AfD vor allem von Stimmen junger Männer profitiert, wählten Frauen mehrheitlich links. Nach Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen haben 17 Prozent der Frauen AfD gewählt und 24 Prozent der Männer. Am deutlichsten wird die Kluft bei den 18- bis 24-Jährigen. In dieser Gruppe haben 15 Prozent der Frauen die AfD gewählt, aber 27 Prozent der Männer. Umgekehrt verhält es sich beim Ergebnis der Linken: Diese erhielt von Frauen bis 24 Jahre 35 Prozent der Stimmen, von Männern gleichen Alters nur 16 Prozent.
Im weltweiten Ranking belegt Deutschland Platz 47
Die ungleichen Verhältnisse haben Auswirkungen auf Entscheidungen, die im Bundestag getroffen werden. Politische Themen wie etwa ungleiche Löhne oder das Abtreibungsrecht betreffen die Lebenswirklichkeit von Frauen. Gerade bei einer schwarz-roten Regierung bildet der Frauenanteil nicht die Verhältnisse der Bevölkerung ab. Die SPD hat mit 41,7 Prozent zwar weitaus mehr weibliche Abgeordnete als die CDU. Mehr Frauen als Männer schaffen aber nur die Grünen (61,2 Prozent) und Die Linke (56,2 Prozent).
Zum Vergleich: Deutschland belegt im weltweiten Ranking von Frauen in Parlamenten Platz 47. Zum Zeitpunkt der Erhebung der interparlamentarischen Union Ipu am 1. Februar 2024 lag der Frauenanteil mit 35,3 Prozent sogar noch deutlich höher als jetzt nach der Wahl. In der Europäischen Union führt das schwedische (46,7 Prozent) und das finnische Parlament (46,0 Prozent) die Liste an. Mit der geschrumpften Frauenquote dürfte Deutschland im Ranking nochmal nach unten rutschen – ein Armutszeugnis für das bevölkerungsreichste Land der EU.
Wer jetzt den Impuls verspürt, zu rufen: Das ist doch egal, es geht um Kompetenz und nicht ums Geschlecht – dem seien zwei Dinge gesagt: Wer glaubt, dass jeder Mann im Bundestag durch alle Parteien hinweg es nur mit Leistung und Kompetenz dorthin geschafft hat, belügt sich selbst. Selbst Friedrich Merz' Eignung als Kanzler lässt sich bezweifeln, er hat noch nie regiert. Jeder Dorfbürgermeister hat mehr Regierungserfahrung. Und wer glaubt, dass Frauen nicht kompetent genug seien, um mehr als 32 Prozent aller Abgeordneten im Bundestag zu stellen, der ist – man muss das so deutlich sagen – misogyn und spricht ihnen ab, genauso intelligent zu sein wie Männer.
Die Identität der CSU: Bratwurst und Männerrunden
Auch beim Alter setzt sich der Deutsche Bundestag übrigens unterschiedlich zusammen. Am jüngsten sind die Abgeordneten der Linken und Grünen mit durchschnittlich rund 42 Jahren. SPD und Union kommen jeweils auf einen Durchschnitt von rund 48 Jahren. Deutlich älter sind die Abgeordneten der AfD mit 51 Jahren. Die Abgeordneten der AfD sind also mehrheitlich alt und männlich, bei der Union ist es ähnlich.
Überraschend ist das nicht, denn die AfD sieht die Rolle der Frau traditionell am heimischen Herd, mit Kindern und in der Pflege der Großeltern und Nachbarn. Die Christdemokraten haben sich – allen voran Markus Söder – gegen alles verschworen, was aus seiner Sicht "woke" sein soll: Feminismus, Gendern, Veganismus, Klimaschutz. Man könnte auch sagen: gegen alles, was mehrheitlich jung und weiblich ist.
Scrollt man auf Söders Instagram-Profil weiter, bestätigt sich das Bild. Neben Fotos von Söder selbst findet man sonst nur Bratwürstchen mit Senf und – weitere Männerrunden.