Toiletten-Klau im Churchill-Geburtshaus: Nur fünf Minuten brauchten Diebe 2019, um ein Klo aus 18-karätigem Gold zu stehlen. Nun wird ihnen der Prozess gemacht.
"America" hieß das Werk: Eine voll funktionstüchtige Toilette aus massivem Gold, erstmals installiert im New Yorker Guggenheim-Museum im Herbst 2016. Es war der Kommentar des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan zum obszönen Reichtum der internationalen Kunstsammlerszene und zur grotesken materiellen Ungleichheit des Spätkapitalismus. Das Werk war ein Highlight der Sammlung des Museums; mehr als 100.000 Besucher benutzten den edlen Donnerbalken dort, bevor er als Teil einer Wanderausstellung nach Großbritannien reiste.
Die Diebe rückten mit Vorschlaghämmern an
Weder der Hygienefaktor noch der künstlerische Aspekt der Toilette schien fünf Diebe zu interessieren, die in den frühen Morgenstunden des 14. Septembers 2019 in das Herrenhaus Blenheim Palace einbrachen, um das 98 kg schwere Objekt zu stehlen. In einer Aktion, die zu den dreistesten Kunstrauben der Geschichte gehört, preschten die Männer zuerst mit Vollgas durch ein gesichertes Holztor des Anwesens in der englischen Grafschaft Oxfordshire, brachen dann mit Vorschlaghämmern durch ein Fenster in die Toilette ein, wo das goldene Klo fest installiert war, und rissen das Objekt aus dem Boden und der Wand des denkmalgeschützten Palastes. All das in weniger als fünf Minuten.
Auf einem Überwachungsvideo, das diese Woche im Prozess gegen drei der Diebe in Oxford gezeigt wurde, rollen zwei vermummte Männer das Kunstwerk zum Auto, während ein dritter die goldene Toilettenbrille trägt. Als die Räuber ihre Beute in den Kofferraum eines blauen VW Golf hieven, sackt der Wagen unter dem enormen Gewicht des Objektes leicht ab. Das Sicherheitspersonal des Palastes, von den Räubern kalt erwischt, sei den davonrasenden Wagen verzweifelt hinterhergerannt, hörten die Geschworenen im Gerichtssaal. Nur die Toilettenrolle und den Spülmechanismus hätten die Diebe zurückgelassen.
Der Raub der goldenen Toilette war akribisch geplant
Cattelans Werk, ein Publikumsmagnet im Guggenheim-Museum in New York, war die Hauptattraktion der zum Zeitpunkt des Diebstahls gerade eröffneten Ausstellung in Blenheim Palace. Mit 8,6 Millionen Euro war das Kunstwerk versichert, dessen Raub die Männer akribisch geplant hatten. Auf einer von mindestens zwei Aufklärungsmissionen hatte einer der Angeklagten, Michael J. aus Oxford, den Palast fünf Tage vor Eröffnung der Ausstellung mit seiner Partnerin besucht, hörte das Gericht. Dort habe er das stille Örtchen ausspioniert, wenige Tage bevor dort die Toilette aus Massivgold installiert wurde. Die Mitangeklagten Frederick S. aus Ascot, Berkshire, und Bora G. aus West-London werden beschuldigt, das gestohlene Gut bearbeitet und weitergeleitet zu haben.
Seit dem Raub vor gut fünf Jahren fehlt von dem edlen Abort jede Spur. Die Polizei geht davon aus, dass das Werk, dessen Wert auf knapp 5,8 Millionen Euro geschätzt wird, zerlegt und eingeschmolzen wurde. Zur Zeit des Diebstahls lag allein der Marktpreis des verwendeten Goldes bei rund 3,4 Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft stellte Beweise sicher, denen zufolge die Angeklagten einen Kilopreis von 31.000 Euro für das Gold ausgehandelt hatten. Bora G., der ein Geschäft in der Londoner Juwelierstraße Hatton Garden betrieb, habe mit jedem verkauften Kilo Gold 3600 Euro Profit gemacht, behauptet die Staatsanwaltschaft. Die drei Angeklagten plädierten auf nicht schuldig.
Donald Trump wollte die Gold-Toilette nicht
Künstler Maurizio Cattelan hatte den Diebstahl zuerst für einen Scherz gehalten. "Wer ist so dumm, eine Toilette zu stehlen?", sagte er 2019. Es sei doch absurd, ein Werk zu klauen, das die Obszönität der ein Prozent Superreichen der Welt anprangere.
Wie wirksam Kunst als subtile Beleidigung der Mächtigen sein kann, demonstrierte das Guggenheim-Museum im Januar 2018. Donald Trump, damals wie heute Bewohner des Weißen Hauses in Washington D.C., wollte sich vom Guggenheim ein Van-Gogh-Gemälde ausleihen. Das sei leider nicht möglich, antwortete Museumsdirektorin Nancy Spector bedauernd und bot ihm stattdessen Cattelans goldene Toilette an. Trump lehnte ab. Wahrscheinlich hatte er bereits eine.