Mit Geothermie ließen sich viele deutsche Wohnungen heizen. Doch in Berlin streitet man lieber über Atomkraft. Wie aus Trotz besuchte die grüne NRW-Ministerin einen Bohrturm in Krefeld.
Mona Neubaur steht mit Helm und Schutzbrille hoch oben im Leitstand des Bohrgeräts und zieht an einem schwarzen Hebel. Draußen setzt sich das mächtige Bohrgestänge in Bewegung. Mit einem tiefen Brummen wird es immer tiefer in den Krefelder Boden gezogen. Die NRW-Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie hat sichtlich Spaß an dem 28 Tonnen schweren Boliden. Doch nach ein paar Minuten ist ihr Probeeinsatz schon wieder beendet. "Toll", sagt sie kurz. "Toll!"
Der Kalkstein ist bis zum 340 Millionen Jahre alt
Hier in Krefeld, auf einem Parkplatz hinter dem Stadthaus, läuft ein bedeutendes Stück Zukunftsforschung. Der Geologische Dienst NRW hat hinter hohen Schallschutzwänden eine Bohranlage aufgebockt. Die Forscher wollen herausfinden, ob sich die dort vorkommende, bis zu 300 Meter dicken Kalksteinschichten für eine Wärmewende eignen könnten. Der Kalkstein ist vor 363 bis 340 Millionen Jahren entstanden, in seinen Spalten und Hohlräumen könnte heißes Wasser lagen, mit dem man in Zukunft Häuser und Fabriken mit Wärme versorgen könnte. Und zwar CO2-neutral.
Suche nach heißem Tiefenwasser: Die Bohrer dringen bis zu 1000 Meter in den Boden ein. Mona Neubaur lässt sich von einem Fachmann die Geothermie erklären
© stern/Rolf-Herbert Peters
Bis zu 1000 Meter wollen sie runter, um zu einem belastbaren Ergebnis zu kommen, Ende April wollen sie es geschafft haben. Ihre Erkenntnisse werden auch für andere Regionen wertvoll sein. Denn die Geothermie könnten bundesweit einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur deutschen Klimaneutralität machen. Zu einer grünen Wärmeversorgung. Das ist genau das Ding der grünen Multiministerin Neubaur, deshalb ist sie heute öffentlichkeitswirksam mit eine Tross von Fachfrauen und -männern von Düsseldorf nach Krefeld gereist.
In Berlin gehen an diesem Tag die Koalitionsverhandlungen weiter, Geothermie steht da gerade nicht im Zentrum. Im September 2023 hatte die Unionsfraktion im Bundestag zwar einen Antrag mit dem Titel "Potenziale der Geothermie nutzen – Hürden abbauen, Risiken minimieren, Stromsektor entlasten" eingebracht. Doch nun läuft ihr Ansinnen offenbar in eine andere Richtung. Ein neues Unionspapier verärgert gerade die SPD. In ihm wird massiv eine Rückkehr zu Kernkraft gefordert. Die letzten sechs abgeschalteten Meiler sollten wieder flott gemacht werden. Der Staat soll Eigner werden und das volle Risiko tragen, wenn die Betreiber ein Wiederhochfahren ablehnen.
Das klingt in Neubaurs Ohren irrwitzig. Wie ein Restaurationsprogramm gegen vielversprechende Zukunftsprojekte, etwa die Tiefengeothermie-Forschung am Niederrhein. Sie fordert Richtung Berlin: "Wir brauchen endlich Planungssicherheit auf dem Weg zur Dekarbonisierung." Atomkraft? Nein Danke. Schon lange nicht unter Staatsführung. "Ich halte den Staat in keine Fall für den besseren Unternehmen." Man spürt, sie würde gern noch härter gegen die Unionsfantasien schießen, verkneift sich das an diesem Tag aber lieber. Schließlich regiert sie in NRW, betont harmonisch, mit CDU-Ministerpräsident Hendrik Wüst.
Mit Geothermie ließe sich ein Viertel der Wohnungen heizen
Redet man mit den in Krefeld anwesenden Wissenschaftlern und Ingenieuren, ist das nicht zufriedenstellend. Eine verpasste Chance. Manche sprechen der Geothermie schon jetzt ein gewaltiges Potenzial zu. Die Deutsche Umwelthilfe hat 2024 ermittelt, dass Tiefengeothermie bis 2040 etwa ein Viertel des deutschen Wärmebedarfs decken könnte. Die Energie könne in Fernwärmenetze, Industriebetriebe oder Gewächshäuser fließen. Das würde das Land richtig voranbringen auf dem Weg zur Wärmewende. Doch schon unter der Ampel fehlte eine bundesweite Geothermie-Strategie, die den Ausbau steuert. Nun, sagt ein Ingenieur, stehe zu befürchten, "dass Schwarz-Rot sich eher an der Atomkraft aufreibt, als nach vorn zu schauen, um neue, nachhaltige Technologien voranzutreiben."
Diamonds are the girls best friends? Auch für die Edelsteine auf dem Bohrkopf interessiert sich Neubaur sehr. Es ist allerdings Industrieware
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Mona Neubaur hat ihre Runde auf der Baustelle beendet. Zum Schluss darf sie noch fürs Foto eine mit Industriediamanten besetzte Bohrkrone in die Hand nehmen und ein paar zylindrische Bohrkerne aus den Tiefen der Erde inspizieren. Am Schluss hat sie derart schmutzige Hände, dass sie nicht einmal mehr ein Schnittchen essen will.
Bevor sie in ihre E-Limousine steigt, um zum nächsten Termin gefahren zu werden, verspricht sie den Anwesenden noch, alles beim Finanzminister zu versuchen, damit die Gelder für die Geothermieentwicklung weiterfließen. Dafür erntet sie kräftigen Forscherbeifall.