4 hours ago

Verachtung einfacher Arbeit: Die meisten Arbeitslosen können nicht arbeiten? Falsch!



Drei Millionen sind ohne Job, derweil die Unternehmen weit mehr als eine Million Mitarbeiter suchen. Auch Ungelernte. Aber die SPD verachtet sie.

Arbeitslose sind gemäß Sozialgesetzbuch, Paragraf 16 solche Personen, "die vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, eine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen und dabei den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen und sich bei dieser arbeitslos gemeldet haben". Kurz: Man muss arbeitsfähig und arbeitswillig sein, sich beim Arbeitsamt gemeldet haben und trotzdem keine Stelle (von mehr als 15 Stunden pro Woche) finden. Dann ist man "arbeitslos" und in der Statistik.

Nicht in die monatliche Arbeitslosenstatistik kommen dagegen die weit über eine halbe Million Arbeitslosen, die in einer Weiterbildung stecken, denn sie stehen währenddessen ja nicht zur Verfügung. Ebenso wenig taucht in der Statistik auf, wer Schüler, Student, über 58 Jahre oder arbeitssuchender Rentner ist. Oder durch familiäre oder gesundheitliche Gründe dauerhaft nicht vermittelbar.

Entscheidend ist: Wann immer es heißt, von den insgesamt knapp drei Millionen Arbeitslosen könnten viele, wegen Krankheit oder familiärer Verhinderung oder wegen einer wichtigen Weiterbildung, leider nicht arbeiten, dann ist das - eine Lüge. Dann ist das Teil eines verzerrenden Framings, wonach alle Arbeitslosen Opfer irgendwelcher individueller oder gesellschaftlicher Umstände sind. Und nicht so sehr eine Festanstellung brauchen, sondern staatsfürsorgliche Lebenshilfe. Dabei sind die drei Millionen allesamt Menschen, die nach Definition und Einschätzung der Behörden grundsätzlich arbeiten können, wollen und sollen.

Trotzdem wird von diesen drei Millionen verdächtig wenig gesprochen, wenn es um die vielen freien Stellen geht, deren Nichtbesetzung zu einem großen Wachstumshemmnis geworden ist. Der Arbeitsminister fährt regelmäßig in ferne Länder, um Fachkräfte anzuwerben, aber hat er auch schon mal den Beamten in einer Arbeitsagentur Beine gemacht? Die Chefin der Arbeitsagentur, auch sie war einmal Arbeitsministerin, kann lange Interviews zu den neuesten Monatszahlen am Arbeitsmarkt geben - doch zu den hiesigen Arbeitslosen und ihrer Verwendung sagt sie fast nichts. Sie wird allerdings auch nur selten gefragt.

Es ist, als existierten diese Menschen gar nicht. Woran liegt das? Mit Vernunft und Realität hat es nicht viel zu tun, mit Ideologie und Haltung umso mehr: mit der sozialdemokratisch-paradoxen Verachtung einfacher Arbeit sowie mit dem jeweils größtmöglichen Verzicht auf behördlichen oder polit-sozialen Druck auf Arbeitslose, möglichst schnell wieder in Arbeit zu kommen.

"Drehtür-Jobs"?

Im Besonderen zeigt sich das an den mehreren Hunderttausend offiziell gemeldeten freien Stellen für einfache, sogenannte "ungelernte" Arbeit, zu denen vermutlich mindestens noch einmal so viele kommen, die nicht gemeldet werden. Sie alle könnten theoretisch besetzt werden von Arbeitslosen ohne Berufsabschluss. Doch diese Arbeitslosen, insgesamt rund 1,5 Millionen, werden totgeschwiegen wie der peinlich proletige Teil der Verwandtschaft. Sie tauchen, wenn überhaupt, in der öffentlichen Debatte nur als Objekt dringend gebotener Weiterbildung auf, nicht aber als Menschen, die früher von ihrer Hände Arbeit lebten. Die Arbeit, die sie bis zu ihrem Jobverlust taten, gilt in verantwortlichen Kreisen als minderwertig und wird mit Sprüchen gedemütigt wie "Das sind doch keine Jobs, die man machen will …". Mit diesen Worten machte einmal eine linke Kollegin bei einer Podiumsdiskussion das Kellnern schlecht - während keine zehn Meter entfernt im Publikum ein Dutzend Kellner und Kellnerinnen ihre Arbeit taten und die Gäste ihnen dankbar waren. Darauf angesprochen, begriff sie gar nicht, was gemeint war.

Bei der Bundesagentur für Arbeit heißen solche Stellen "Drehtür-Jobs". Auch die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, die ehemalige SPD-Vorsitzende und Arbeitsministerin Andrea Nahles, benutzt den Begriff, weil sie das Abwertende womöglich gar nicht wahrnimmt. Wer die Arbeitsagentur in Richtung einer solchen Anstellung verlasse, komme in vielen Fällen nach einigen Monaten wieder zurück zum Amt, erneut arbeitslos - eben wie durch eine Drehtür. Diese Stellen seien ohne jede "Aufstiegschance", wird gewarnt.

Doch es wird die lebensnahe Frage unterschlagen, wie viele dieser Menschen, die ihr Leben ja durchaus im Griff hatten, auf "Aufstieg" gar nicht so sehr aus sind wie die, die ihnen Gutes tun wollen. Gewerkschaftsfunktionäre wiederum nennen einfache Arbeit gern "prekäres Beschäftigungsverhältnis", weil sie mitunter in Leiharbeitsfirmen organisiert oder nicht gut bezahlt sei, das heißt, auf Mindestlohnniveau. Solche Arbeit sei in vielerlei Hinsicht "unsicher" und darum nicht in Ordnung. Ob diese Gewerkschaften noch Mitglieder unter jenen Millionen Beschäftigten haben, die solche Arbeiten tun - und stolz darauf sind, was sie mit ihren Händen leisten?

Die SPD hat die Arbeiter längst an die AfD verloren

Es führt nicht nur die ehemalige Arbeiterpartei SPD in Teufels Küche, wenn ungelernte Arbeitslose von Arbeit wie dem Kellnern ferngehalten werden, weil sie angeblich nicht gut genug ist. Noch einmal: Was sollen denn bitte die denken, die diese Arbeit noch tun oder ein Leben lang getan haben? SPD wählen sie vermutlich nicht mehr. Bei allen drei ostdeutschen Landtagswahlen 2024 und der Bundestagswahl 2025 lief die AfD der SPD bei den Arbeitern den Rang teils meilenweit ab. Ebenso bei den Wählern mit "einfacher Bildung".

Dabei wird "einfache" Arbeit weiterhin gebraucht: Ende 2024 hatten knapp 4,5 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte keinen Berufsabschluss, bei 7 Millionen beschäftigten Akademikern. In einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sagte vor nicht allzu langer Zeit ein Drittel der Mitgliedsfirmen, sie suchten auch Ungelernte. Ein Fünftel bis ein Viertel aller freien Stellen stehen auch Ungelernten offen, sagen Arbeitsmarktforscher der Bundesagentur. Und wer mit offenen Augen durch die Straßen geht und die vielen Suchanzeigen an Ladentüren, an Lieferwagen oder auf den Plakaten liest, wird das Gefühl nicht los, es seien noch viel, viel mehr.

Die Unternehmen jedenfalls scheinen der Bundesagentur für Arbeit nicht mehr zuzutrauen, unter den Arbeitslosen die nötigen Leute zu finden. Nur maximal jede zweite offene Stelle wird der Behörde laut Erhebungen überhaupt noch gemeldet. Ein großes Wunder ist das nicht, die sogenannte "Vermittlungsquote" der Arbeitsagenturen sinkt seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts. Bei Langzeitarbeitslosen hat sie sich auf knapp sechs Prozent halbiert, das heißt übersetzt: Von 100 Langzeitarbeitslosen, die es zurück in den regulären Arbeitsmarkt schafften, kommen ganze 6 auf "Vorschlag und Vermittlung" der Arbeitsagenturen zu ihrem neuen Job. Für Deutschlands größte Behörde mit insgesamt rund 160.000 Mitarbeitern ist das lächerlich wenig. Aber es hat System.

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