Mats Hummels beendet seine Karriere. Der Weltmeister von 2014 war auf dem Rasen stilgebend, außerhalb war er meinungsstark und scheute sich nicht, anzuecken.
Es ist weniger als ein Jahr her, dass sich die Stadt Dortmund, die Fußballnation Deutschland und darüber hinaus ganz Europa davon überzeugen konnten, dass Mats Hummels nichts von seiner Kunst verlernt hat. Klar, über das mangelnde Tempo des Verteidigers in den Sprintduellen war schon seit langem trefflich debattiert worden, doch nun, mit 35, zeigte der Weltmeister von 2014, dass er diese Defizite mit all seinen Qualitäten noch immer locker kompensieren konnte.
Er allein sorgte in der K.o.-Phase der Champions League dafür, dass sein Herzensverein Borussia Dortmund ins Finale von Wembley einzog, das nach großem Kampf gegen Real Madrid verloren ging. Hummels hielt die Abwehr des BVB mit nimmermüdem Einsatz und brillantem Stellungsspiel zusammen, im Halbfinale gegen Paris setzte er mit einem Kopfball den Hieb, der den Gegner auf die Bretter schickte. Und dann natürlich diese raumöffnenden und mit chirurgischer Präzision gespielten Außenristpässe. Eine Augenweide, die Liebhaber mit der Zunge schnalzen und verträumt an den "Kaiser" Franz Beckenbauer denken ließen.
Meinungsstark, eloquent, charismatisch, rhetorisch geschickt
Mats Hummels konnte im Kampf um den Ball auch rustikal dazwischenhauen und war darüber hinaus mit vielen Gaben gesegnet – und das nicht nur auf dem Fußballplatz. Außerhalb des Spielgeschehens gewann er während seiner eindrucksvollen Laufbahn immer weiter an Profil. Gespräche mit ihm nach den 90 Minuten waren immer erhellend und nie langweilig. Während sich viele Profis dem Frage-Antwort-Prozedere in der Mixed Zone verweigern und wortlos in der Kabine verschwinden, blieb der Innenverteidiger meistens stehen und stellte sich den Journalisten.
Was dann zu vernehmen war, hatte mit dem branchenüblichen Abspulen von Floskeln nichts gemein. Das Gegenteil war der Fall: Meinungsstark, eloquent, charismatisch, rhetorisch geschickt. Wo immer Hummels auftrat, tat er das als Führungspersönlichkeit, die die Dinge mit Intelligenz und Humor darzulegen wusste.
Das war erfrischend, konnte aber für die Entscheidungsträger mitunter auch anstrengend sein, weil sich einer wie er nie scheute, seinen Standpunkt auch dann zu vertreten, wenn er unbequem war. Immer wieder eckte Hummels im Laufe seiner Karriere an, in Dortmund bekam er zuletzt keinen neuen Vertrag, weil er die fachlichen Qualitäten seines Trainer Edin Terzic öffentlich in Zweifel gezogen hatte und damit in Ungnade fiel.
Und Julian Nagelsmann verzichtete bei der Heim-EM im vergangenen Jahr auf seine Dienste, obwohl sich Hummels in eine vorzügliche Verfassung gebracht hatte. Offensichtlich legte der Bundestrainer großen Wert auf Harmonie in seinem Kader und wollte jegliche Reibung verhindern. Nun sagt er über den Mann, den er vor kurzem noch aussortierte: "Mats Hummels hat in seinen besten Jahren internationale Maßstäbe gesetzt und ist zu einem Vorbild für eine ganze Generation von Verteidigern geworden."
Deutungshoheit auch beim Abschied
So viel Wertschätzung muss niemanden überraschen, weil Hummels das Ende seiner Laufbahn angekündigt hat und man zu diesem Anlass nun mal nette Worte formuliert. Es ist typisch für einen Mann wie Hummels, dass er die Deutungshoheit auch in dieser Angelegenheit behält. Am Freitagnachmittag veröffentlichte er ein Video, zu sehen auch auf Instagram. Darin sagt Hummels: "Ich kämpfe gerade mit den Emotionen. Jetzt kommt der Moment, um den kein Fußballer herumkommt. Nach über 18 Jahren mit so vielen Dingen, die mir der Fußball gegeben hat, beende ich im Sommer meine Karriere."
Hummels, der in der Bundesliga wechselweise für die beiden Branchenriesen aus München und Dortmund die Schuhe schnürte und dabei jede Menge Titel abräumte, wollte im Herbst seiner großen Karrieren noch einmal im Ausland reüssieren. Das Engagement bei der AS Rom ließ sich phasenweise vielversprechend an, bis dem Deutschen in der Europapokal-Begegnung gegen Athletic Bilbao ein fataler Lapsus unterlief. Nach einer Notbremse, die er als "dumm" und "entsetzlich" einstufte, flog Hummels vom Platz.
In der Ewigen Stadt gehört Hummels seitdem nicht mehr zu den gefeierten Gladiatoren, zu denen alle aufblicken. Bei seiner letzten Station als Profi ist er nur noch eine Randfigur, die das Geschehen zumeist von der Bank aus verfolgt. So etwas ist ein gestandener Mann wie er nicht gewohnt, der in seiner Karriere bis dato immer davon ausgehen konnte, das Schicksal auf dem Rasen entscheidend mitbestimmen zu können.
Mats Hummels genoss das Rampenlicht
Das ist nun vorbei, und deshalb erscheint es folgerichtig, einen Schlussstrich zu ziehen. Acht Spiele sind es noch bis zum Kehraus in der Serie A, es dürfte ein leises Servus werden für einen Spieler, der viele Jahre in der Weltklasse zu Hause war und dabei das Rampenlicht in vollen Zügen genoss.
Was bleibt sind unzählige Begegnungen, in denen das Auftreten von Mats Hummels auf dem Rasen und auch darüber hinaus stilgebend war. Nico Schlotterbeck, der in Dortmund und in der Nationalmannschaft seine Nachfolge angetreten hat, bezeichnet Hummels als "Lehrmeister". Die schönste Würdigung von vielen, die Mats Hummels nach der Veröffentlichung, dass seine Zeit als Profi abläuft, erreichten, kam vom ehemaligen Mitstreiter Lukas Podolski, der die Dinge knapp und poldimäßig prägnant auf den Punkt brachte: "Danke für alles, mein Freund."