Rückkehrer Leon Goretzka trifft, die neue Nummer eins Baumann hält den Auswärtssieg fest: Das DFB-Team siegt in Italien auch dank der pragmatischen Personalpolitik des Bundestrainers.
Es war bereits kurz vor Mitternacht, als Leon Goretzka die Mixed Zone im Bauch das Mailänder Stadions San Siro betrat, wo Dutzende Journalisten auf ihn warteten. Goretzka wirkte ruhig und gefasst. Falls er sich darüber freute, dass er zuvor am Donnerstagabend bei seiner Rückkehr ins deutsche Fußballnationalteam das Hinspiel im Nations League-Viertelfinale gegen Italien mit einem Kopfball zum 2:1-Auswärtssieg entschieden hatte, ließ er es sich nicht anmerken.
Ausdrucklos lief er an der wartenden Presse vorbei. Herr Goretzka, ein Satz vielleicht? Der Mittelfeldspieler winkte ab, kein Statement, heute nicht. Er wollte nicht sprechen. Und er blieb dabei und schwieg.
So hatte er, der einsteige Lautsprecher, der wegen seiner politischen Einlassungen etwa zur WM in Katar früher mal als Außenminister der DFB-Teams gegolten hatte, es schließlich schon gehalten, als es schlecht für ihn gelaufen war. Und schlecht gelaufen war es eine ganze Weile.
Anderthalb Jahre hatte Leon Goretzka, 30 Jahre alt inzwischen, kein Spiel mehr für die deutsche Fußballnationalmannschaft gemacht. Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte ihn aussortiert, auch bei seinem Klub, dem FC Bayern München, spielte Goretzka über viele Monate kaum noch eine Rolle. Nach schwachen Leistungen beim WM-Vorrundenaus in Katar galt Goretzka einigen als Auslaufmodell, als Gesicht einer Krise gar, die es zu überwinden gelte.
Nagelsmann trifft uneitle Entscheidungen
Goretzka aber steckte nicht auf, er klagte nicht, schwieg und arbeitete an seinem Spiel. Beharrlich kämpfte er sich erst zurück ins Team der Bayern und nun auch in Nagelsmanns Nationalelf.
Möglich machten Goretzkas Rückkehr ein Engpass in der deutschen Mittelfeldzentrale, wo derzeit Aleksandar Pavlović und Felix Nmecha krankheits- und verletzungsbedingt fehlen. Und die pragmatische Personalpolitik des Bundestrainers.
Julian Nagelsmann trifft uneitle Entscheidungen. Er hat kein Problem damit, frühere Einschätzungen zu korrigieren, wenn sich die Lage der Dinge geändert hat. Er schert sich nicht um Status, um gestrige Verdienste oder Fehler, er ist allein dem Moment verpflichtet.
Nagelsmann weiß, wie knapp die Zeit bis zur Weltmeisterschaft ist. Wie wenige Spiele ihm bleiben, um den Kern einer neuen Mannschaft herausbilden. Aber weil ihm aktuell einige Stammkräfte fehlen – zuvorderst Spielmacher Florian Wirtz, Torhüter Marc-André ter Stegen und Angreifer Kai Havertz –, beschäftigt ihn gerade nicht so sehr die Zukunft, sondern vor allem die Gegenwart. Wieder mal ist er zum Improvisieren gezwungen. Und wieder setzt er dabei radikal auf das Momentum von Spielern.
Der Bundestrainer will, dass seine provisorische Nationalelf von denen profitiert, die gerade in ihren Vereinen besonders gut in Form sind. Im vergangenen Jahr hatte das noch vor allem den Profis vom VfB Stuttgart genützt, die überraschend Bundesligazweiter wurden. Am Donnerstabend in Mailand stand nun kein einziger der aktuell in der Liga strauchelnden Stuttgarter mehr in der Startelf. Stattdessen Nadiem Amiri, 28, und Jonathan Burkardt, 24, zwei Offensivakteure von Mainz 05, vergangenes Jahr noch im Abstiegskampf, nun Tabellendritte der Bundesliga.
Vor diesem Hintergrund ist neben der Rückkehr des wiedererstarkten Goretzka auch die Nominierung von Oliver Baumann als neue Nummer eins im deutschen Tor zu verstehen. Baumann ist mit seinen 34 Jahren kein Kandidat für ein Morgen, aber er verspricht mit seiner Erfahrung aus rund 500 Profispielen Ruhe und Konstanz im Jetzt. Und erhielt deswegen den Vorzug vor dem deutlichen jüngeren Alexander Nübel vom VfB Stuttgart.
Leon Goretzka, nimmermüder Antreiber
Sowohl Goretzka als auch Baumann gaben dem Bundestrainer mit ihren Leistungen am Donnerstagabend recht, jeder auf seine Art. Baumann vereitelte gleich mehrere Großchancen der Italiener und hielt die deutsche Mannschaft nach dem frühen Rückstand durch Sandro Tonali in der Partie. Goretzka gab einen nimmermüden Antreiber, er verband Verteidigung und Angriff im deutschen Spiel und sorgte im italienischen Strafraum immer wieder für Unruhe, vor allem nach Hereingaben von Joshua Kimmich. Ein Eckball des deutschen Kapitäns war es dann auch, den Goretzka eine Viertelstunde vor Schluss per Kopf zum Siegtreffer verwandelte.
Sicherer Rückhalt: Oliver Baumann rettete das deutsche Team bei seinem Einstand als Nummer eins mit einigen Paraden
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"Leon kam in der Halbzeit zu mir und meinte, dass die Flanken noch ein bisschen zu hoch für ihn kommen", sagte Kimmich später in der Mixed Zone. "Wir haben besprochen, dass wir es flacher probieren, mit Bällen auf den ersten Pfosten. Dass es dann geklappt hat, freut mich sehr, sehr für ihn."
Zuvor hatte zu Beginn der zweiten Hälfte bereits der eingewechselte Stürmer Tim Kleindienst nach einer Kimmich-Flanke aus dem Halbraum ebenfalls per Kopf zum zwischenzeitlichen Ausgleich getroffen. Später sprach Kleindienst aber kaum von sich, lieber stimmte er in den Katakomben des Mailänder Stadions ein Lob auf Rückkehrer Goretzka an.
Kleindienst über Goretzka: "Er hat uns heute sehr geholfen"
"Es hat echt Spaß gemacht, mit ihm zu spielen, man weiß ja, dass er eine Wahnsinnsqualität hat", sagte Kleindienst. "Es spricht für den Spieler, wenn es sich anfühlt, als wäre er nie weg gewesen. Er hat uns heute sehr geholfen. Ich glaube, es ist auch für den Bundestrainer schön zu sehen, dass es funktioniert."
Der Auswärtserfolg hat dem DFB-Team nicht nur eine gute Ausgangslage für das Rückspiel am Sonntag in Dortmund verschaffen. Er könnte auch dazu beitragen, nach vier Monaten ohne Länderspiel den EM-Schwung aus dem vergangenen ins neue Jahr zu tragen. Nagelsmann ist das wichtig. Er will, dass sich die guten Ergebnisse verstetigen.
Dem Bundestrainer geht es, so hatte er es erst in dieser Woche erklärt, um eine Psychologie des Gewinnes, um das Selbstverständnis, eine Siegermannschaft zu sein. Er sieht darin Methode und Erfolgsformel der letzten Titelträger. Argentinien und Spanien starteten ihre Siegesserien lange vor den Turniererfolgen. Sie wurden zu Gewinnerteams, bevor sie Titel gewannen. Der deutschen Nationalmannschaft bleiben noch 14 Länderspiele, um zu einem solchen Team zu reifen. Dann beginnt bereits die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko.