14 hours ago

Aktivist Butkevych im Interview: "Russland bringt das sowjetische System des Terrors in die Ukraine zurück"



Maksym Butkevych ist einer der bekanntesten Menschenrechtsaktivisten der Ukraine. Er arbeitete als Journalist und engagiert sich für die Rechte Geflüchteter und den Schutz von Minderheiten. An der Gründung des unabhängigen ukrainischen Radiosenders Hromadske und der NGO ZMINA war er beteiligt. Nach Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022 trat er als Freiwilliger in die Armee ein und geriet wenige Monate später in russische Kriegsgefangenschaft. Am 13. März 2023 wurde er in einem Scheinprozess zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Noch während seiner Zeit in Haft erschien das Buch "Am richtigen Platz: Ein ukrainischer Friedensaktivist im Krieg" mit Texten von und über Butkevych. Mitte Oktober 2024 kam er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei. Mit ntv.de sprach Butkevych über seine Erlebnisse.

ntv.de: Herr Butkevych, im vergangenen Oktober kamen sie durch einen Austausch aus russischer Gefangenschaft frei. Wie haben Sie die vergangenen Monate verbracht?

Maksym Butkevych: In den ersten vier Wochen habe ich ein Rehabilitationsprogramm absolviert. Viele Männer, die mit mir freikamen, wurden schwer gefoltert und leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch ich kämpfe noch mit den Folgen der Haft und befinde mich weiter in Behandlung. Es ist ein langwieriger Prozess. Mittlerweile kümmere ich mich aber auch wieder um meine Menschenrechtsarbeit. Dabei setze ich mich für ukrainische Soldaten und Zivilisten ein, die sich in russischer Gefangenschaft befinden.

Maksym Butkevych bei einer Veranstaltung im Dezember. Maksym Butkevych bei einer Veranstaltung im Dezember.

Maksym Butkevych bei einer Veranstaltung im Dezember.

(Foto: Global Images Ukraine via Getty )

Sie dienten als Zugführer in einem Bataillon der ukrainischen Streitkräfte. Wie wurden sie gefangengenommen?

Im Juni 2022 wurden wir in das Dorf Myrna Dolyna in der Region Luhansk verlegt, um einen Beobachtungsposten einzurichten. In der Nacht wurden wir von russischen Mörsern beschossen und hatten keinen Funkkontakt zu unserem Kommandeur. Nach einigen Tagen mit kaum Schlaf und Wasser waren alle erschöpft und dehydriert. Dann wurden wir von einem Soldaten einer benachbarten Einheit über Funk kontaktiert. Er sagte, dass wir fast vollständig umzingelt seien, aber immer noch eine Chance hätten zu entkommen, wenn wir seinen Anweisungen folgen würden. Er lotste uns auf ein offenes Feld. Dann entschuldigte er sich und sagte, er sei seit der vergangenen Nacht in russischer Gefangenschaft und habe uns in eine Falle gelockt. Es gab keine Möglichkeit, in Deckung zu gehen. Ich war für acht Männer verantwortlich. Also befahl ich ihnen, die Waffen niederzulegen.

Wie wurden Sie nach der Gefangennahme von den Russen behandelt?

Sie nahmen unsere Wertsachen ab, aber gaben uns auch Wasser, was für uns in dem Moment das Wichtigste war. Die russischen Soldaten waren gut gelaunt. Aber sie schienen nicht zu verstehen, was vor sich geht. Ein Soldat sagte zu uns: "Wenn das alles vorbei ist, kommt nach Samara und wir trinken ein Bier zusammen." Ich schaute ihn nur ungläubig an. Es war offensichtlich: Er verstand nicht, dass er in der Ukraine ein Besatzer ist.

Unsere Hände waren stundenlang gefesselt, schwollen an und schmerzten. Dann wurden wir einer anderen Einheit übergeben. Ihr Kommandeur versuchte, uns mit obszönen Beleidigungen zu provozieren. Dann las er eine Rede Putins vor, die wir Wort für Wort wiederholen mussten. Für jeden Fehler meiner Männer verprügelte mich der Offizier mit einem Holzstock. Noch heute zeugt eine Narbe von den Schlägen.

Später verbrachten Sie mehr als zwei Jahre in einer Haftanstalt in der besetzten Stadt Luhansk. Wie waren die Bedingungen dort?

Die ersten Monate waren schwierig. Wir erhielten drei Mahlzeiten pro Tag, aber das Essen war entsetzlich. Die Lebensmittel waren teilweise verdorben und die Portionen sehr klein. Wir waren ständig hungrig und verloren schnell an Gewicht. Weil man uns die Stiefel abgenommen hatte, liefen wir auf Socken. Toilettenpapier erhielten wir nicht. In den Zellen hausten Bettwanzen. In den ersten Wochen gab es viele Verhöre, einige verliefen friedlich, andere gewaltsam. Man versuchte, uns mental zu brechen. Sie zwangen uns, Übungen wie Sit-ups und Liegestütze zu machen - bis zur totalen Erschöpfung. Einige der Jungs wurden dabei ohnmächtig. Sie schlugen mich und setzten mich unter Druck, sodass ich am Ende ein falsches Geständnis unterschrieb.

Im März 2023 wurden Sie in einem Scheinprozess zu 13 Jahren Haft verurteilt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Urteil hörten?

Ich erinnerte mich an meinen Urgroßvater, den ich nie kennengelernt habe, weil er 1938 der stalinistischen Säuberung zum Opfer fiel und hingerichtet wurde. Ich kenne seine Akte. Aus seinem Vernehmungsprotokoll kann man entnehmen, dass er gefoltert wurde. Und 84 Jahre später unterschrieb ich, sein Urenkel, ebenfalls ein falsches Geständnis. Und dann dachte ich daran, dass dieses sowjetische System des Terrors nie verschwunden ist. Es hat sich nur eine Weile zurückgezogen - jetzt ist es in die Ukraine zurückgekehrt.

Wie ist es Ihnen gelungen, die Zeit in Haft zu überstehen?

Es ist wichtig, eine Art Routine zu entwickeln, um nicht verrückt zu werden. Ich habe versucht, mich körperlich und geistig fit zu halten. Ich habe viel über philosophische Fragen nachgedacht und mich an meine Freunde und Verwandte erinnert. Da wir weder Papier noch Stifte hatten, habe ich in meinem Kopf Texte verfasst. Einige Zellengenossen habe ich in Englisch unterrichtet. Zudem dachte ich mir fiktive Geschichten aus, die ich dann den anderen Insassen vorgetragen habe. Auch häufiges Beten hat mir geholfen.

Würden Sie sagen, dass die Zeit im Gefängnis Sie verändert hat?

Absolut. Ich habe Dinge erlebt, von denen ich dachte, dass ich daran zerbrechen könnte. Aber das ist nicht passiert. Ich habe mehr Angst erlebt als jemals zuvor in meinem Leben. Und das war das Schlimmste, weil Angst einen lähmt und zu einem Objekt macht. Und das ist auch der Grund, warum die Russen uns diese Dinge angetan haben. Damit wir tun, was sie uns befehlen. Mittlerweile schätze ich es viel mehr, die Freiheit zu haben, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich empfinde eine große Dankbarkeit für die Menschen, die sich für meine Freilassung eingesetzt haben. Freiheit ist etwas Wesentliches, doch nicht selbstverständlich. Es ist ein kostbares Gut.

Sie haben sich im Frühjahr 2022 freiwillig zur Armee gemeldet. Hatten Sie vorher jemals den Gedanken, zur Waffe zu greifen?

Ja, nach der Krim-Besetzung und dem Ausbruch der Kämpfe im Donbass 2014. Ich koordinierte damals Hilfsprojekte, die Binnenflüchtlinge aus den Kriegsgebieten unterstützten. Mir wurde klar, dass ich diese Arbeit nur leisten kann, weil es Leute gibt, die an vorderster Front stehen, um die Eindringlinge zurückzuhalten. Als Russland 2022 seine großangelegte Invasion startete, entschied ich, einer derjenigen zu sein, der sich den Streitkräften anschließt. Damit diesmal andere Menschenrechtsaktivisten ihre Arbeit machen können.

Sie selbst haben sich in früheren Interviews als Antimilitarist bezeichnet. Warum haben Sie dennoch im Militär gedient?

Es klingt zunächst wie ein Widerspruch, ist es aber nicht. Ich betrachte mich als Antimilitarist, weil ich Gewalt und Krieg hasse. Persönlich kenne ich keine einzige Person in der Ukraine, die einen Krieg will. Es geht darum, Leben zu verteidigen und den Menschen zu ermöglichen, in Frieden zu leben. Wenn man beobachtet, wie eine Person einer anderen Person etwas Schreckliches antut und man in der Lage ist, es zu verhindern, dann sollte man das tun. Wenn man sich aber neutral verhält und das Opfer nicht gegen den Aggressor verteidigt, dann steht man auf der Seite des Täters und macht sich mitschuldig.

Wie erleben Sie derzeit die Stimmung in der ukrainischen Gesellschaft nach so vielen Jahren Krieg?

Natürlich gibt es Erschöpfungserscheinungen, was verständlich ist. Putin führt einen Zermürbungskrieg und die ukrainischen Ressourcen sind, trotz internationaler Hilfe, nicht vergleichbar mit denen Russlands. Viele Ukrainer haben einen hohen Preis bezahlt. Jeder, den ich kenne, hat einen Freund, Kollegen oder einen Verwandten durch den Krieg verloren. Daher ist eine Kapitulation einfach keine Option für uns. In meinem Umfeld sind viele Leute entschlossen, weiterzumachen. Wir kämpfen für unsere Werte und unsere Freiheit.

Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um einen gerechten und dauerhaften Frieden für die Ukraine zu gewährleisten?

Ohne Sicherheitsgarantien durch internationale Institutionen oder befreundete Staaten wird es keinen dauerhaften Frieden geben. Ein Waffenstillstand würde Russland dazu nutzen, sich neu zu gruppieren, um dann wieder anzugreifen. Denn Moskau geht es in der Ukraine nicht um Territorien oder Rohstoffe. Russland will, dass die Ukraine aufhört zu existieren. Das ist das einzige Ziel dieses Krieges. Sie wollen uns auslöschen.

Mit Maksym Butkevych sprach Janis Peitsch

Adblock test (Why?)

Gesamten Artikel lesen





© Varient 2025. All rights are reserved