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Popstar mit 78 in Topform: Elton Johns grandioses Spätwerk mit Brandi Carlile



Die großen Tourneen hat Elton John hinter sich gelassen, die Musik nicht. Im Duett mit Brandi Carlile wirkt der 78-Jährige wie verjüngt. Die Grammy-Gewinnerin erzählt von einem anstrengenden Projekt.

Vor fast anderthalb Jahren gab Elton John das letzte Konzert seiner Abschiedstournee. Schon damals betonte Sir Elton, dass es kein Abschied von der Musik sein werde und stellte einzelne Konzerte in Aussicht. Jetzt meldet sich der 78-Jährige mit einem neuen Album zurück. "Who Believes In Angels?" ist ein Duettalbum mit der US-Sängerin Brandi Carlile, das die beiden bereits bei einem umjubelten Konzert in London vorstellten.

Carlile hat elf Grammys gewonnen und ist vor allem in den USA selbst ein Star. Aber bei ihrem engen Freund Elton John wird die 43-Jährige zum Fangirl. "Elton und ich, wir haben uns schon immer sehr gemocht. Aber ich hätte nie gedacht, dass er mal ein Album mit mir machen wollen würde", sagt Carlile im Interview der Deutschen Presse-Agentur in London. "Ich konnte es kaum fassen. Warum ausgerechnet ich? Aber es war eine bewusste musikalische Entscheidung von ihm – und ich bin wahnsinnig froh darüber."

Erinnerungen an goldenen Ära der 70er Jahre

"Who Believes In Angels?" ist eine Rückkehr zum bombastischen, melodischen Rock-'n'-Roll-Sound, mit dem Elton John in den 1970er Jahren berühmt wurde. Das weckt Erinnerungen an eine goldene Ära mit Kultalben wie "Goodbye Yellow Brick Road" oder "Captain Fantastic And The Brown Dirt Cowboy" - ganz ohne erzwungene Nostalgie und in einem modernen Sound.

Schon die Prelude von "The Rose Of Laura Nyro", das der zu früh gestorbenen Songwriterin und queeren Weggefährtin Elton Johns gewidmet ist, deutet an, dass diese Kooperation fruchtbar war. Highlights sind "Little Richard's Bible", ein Tribut an die Rockikone der 50er und 60er Jahre, oder "The River Man", das mit herrlichen Doppel-Gitarren-Harmonien, wuchtigem Background-Chor und einem Piano-Solo à la "Pinball Wizard" begeistert.

Grammy-Gewinnerin lernt von Songwriter-Legende

Die Texte schrieb wie üblich Songwriter-Legende Bernie Taupin - dieses Mal in Zusammenarbeit mit Carlile. "Bernie hat mir gezeigt, wie man spontan darauf reagiert, dass Elton so schnell schreibt. Der nimmt den Text raus und fängt sofort an, die Musik dazu zu basteln. Und dann fliegen plötzlich Silben raus, Wörter, ganze Zeilen – einfach, weil die Melodie es verlangt. Und der Texter muss dann sofort reagieren, den Song retten, die Zeile, die nicht passt, austauschen."

Die Sängerin glänzt besonders in dem mitreißenden, rockenden Duett "Swing For The Fences" und der wunderbaren Indie-Folk-Ballade "You Without Me", die sich um die Zeit dreht, in der sich Kinder von ihren Eltern lösen.

Starproduzent Andrew Watt (Rolling Stones, Lady Gaga) holte einige prominente Topmusiker ins Studio: Schlagzeuger Chad Smith (Red Hot Chili Peppers), Bassist Pino Palladino (Nine Inch Nails) und Multiinstrumentalist Josh Klinghoffer (Red Hot Chili Peppers, Pearl Jam). Wer würde Sir Elton auch absagen?

Momente der Verzweiflung im Studio

Die Aufnahmen verliefen jedoch nicht reibungslos. Selbst ein Altmeister wie Elton John tut sich manchmal schwer. Beim Auftritt in London erlaubte er dem Publikum einen erstaunlichen Blick hinter die Kulissen. Es wurden Szenen aus dem Studio eingespielt, in denen der Brite weinte, in denen er der Verzweiflung nahe war und schimpfte, bevor ihn der 34-jährige Watt einfing.

Carlile war beeindruckt von Watts Umgang mit dem Superstar. "Er hatte Rückgrat, Mitgefühl und eine ruhige, geerdete Art", erzählt sie. "Ich glaube, ohne Andrew hätte ich ein Stück weit dichtgemacht. Aber Andrew hat einfach zurückgepoltert, laut losgelacht oder er ist mit Elton nach draußen gegangen, um ihn mal eben fest in den Arm zu nehmen und zu drücken."

Und so wurde das Album in nur drei Wochen fertiggestellt. "So etwas habe ich noch nie gemacht", berichtete Elton John in London. Die britische Musikikone sei "wie ein Güterzug", meint Carlile gleichermaßen begeistert und erschöpft. "Es war so anstrengend. Mein Gehirn war müde, weil ich versucht habe, mit der Musik mitzuhalten, die einfach so aus ihm raussprudelt."

Elton John mit 78 in Bestform

Beim Konzert im Londoner Palladium, das demnächst im britischen und US-amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt werden soll, gaben die beiden neben neuen Songs auch Klassiker wie "Tiny Dancer", "I'm Still Dancing" oder "Bennie And The Jets" zum Besten. Auf der Bühne oder im Studio - der fast 80-jährige Elton John beeindruckt mit seiner Stimme und seiner Energie.

Doch in Songs wie "When This Whole World Is Done With Me" und "A Little Light" setzt sich Sir Elton mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinander. In letzterem singt er gleich zu Beginn: "Maybe it's time to hang my boots up" - "Vielleicht ist es Zeit, meine Stiefel an den Nagel zu hängen." Gemessen an diesem großartigen Album ist es dafür noch zu früh.

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