1917 erschütterten 19 Minenexplosionen das belgische Messines. Sie rissen die deutschen Linien entzwei und töteten 10.000 Soldaten. Ein Schlag, der den Krieg nicht wendete.
Im Jahr 1917 wütete der Erste Weltkrieg mit unverminderter Härte. Die Operationen des deutschen Oberkommandos hatten im Westen zu keinem Sieg geführt, doch besiegt war das Reich noch lange nicht. Die verlustreiche Schlacht an der Somme hatte auch der Moral der Gegner, insbesondere der Briten, schwer zugesetzt.
In den frühen Morgenstunden des 7. Juni 1917 spielten sich apokalyptische Szenen ab. Gewaltige Explosionen nahe dem belgischen Dörfchen Messines ließen die Nacht erzittern. Ein mächtiger Feuer- und Erdsturm zerfetzte die deutschen Stellungen, 10.000 deutsche Soldaten verloren in wenigen Sekunden ihr Leben. Norman Down von den Royal Engineers schrieb: "Die Erde bebte wie bei einem Vulkanausbruch, und der Himmel war voll Feuer."
Es war die größte von Menschen verursachte Explosion bis zur Atombombe. Der Lärm hallte bis nach Südengland, Premierminister David Lloyd George soll die Detonation in seinem Büro in London gespürt haben, und in Lille, 20 Kilometer entfernt, fuhren Menschen erschrocken aus ihren Betten hoch. Marie-Louise Declercq, eine belgische Bäuerin aus Wijtschate, erinnerte sich: "Unsere Häuser zitterten, und wir wussten nicht, ob wir leben würden." Charles Barrois, ein französischer Geologe, schrieb: "Ich wurde aus dem Schlaf gerissen und dachte sofort an ein Erdbeben. Hastig kleidete ich mich an, aus Furcht vor Nachbeben."
Was war geschehen? Die Briten hatten über Jahre hinweg Tunnel unter dem Niemandsland gegraben und insgesamt 26 Minenkammern unter den Schlüsselpunkten der deutschen Linie angelegt. In diese Kammern brachten sie über 450 Tonnen Ammonal-Sprengstoff, ein hochexplosives Gemisch aus Ammoniumnitrat und Aluminiumpulver. Die größte Mine, unter dem heutigen Spanbroekmolen-Krater, enthielt 41 Tonnen Sprengstoff, während andere zwischen 20 und 35 Tonnen fassten.
Die Stille vor der Explosion
Die Deutschen ahnten, dass etwas im Gange war – sie hatten selbst Tunnel gegraben und eine Mine bei Kruisstraat entdeckt –, doch die Dimension der alliierten Operation blieb ihnen verborgen. Vor der Explosion machte sie nur die unheimliche Stille nervös. James Douglas vom 9th Battalion Royal Irish Rifles schrieb in seinem Tagebuch: "Alles war still, unheimlich still, und dann brach die Hölle los."
Am Vorabend der Offensive erklärte General Sir Charles Harington, Stabschef der Zweiten Armee, gegenüber der Presse: "Ich weiß nicht, ob wir morgen die Geschichte ändern werden, aber auf jeden Fall werden wir die Landschaft verändern."
Die Explosion war Teil einer britischen Offensive unter dem Kommando von General Herbert Plumer, die einen strategisch wichtigen Höhenrücken erobern sollte – den Wytschaete-Bogen. Von diesen Stellungen aus hatten deutsche Truppen eine hervorragende Sicht auf die britischen Positionen, was jede Offensive der Alliierten in diesem Abschnitt der Westfront zu einem riskanten Unterfangen machte. Die Erde tat sich auf und verschlang die deutschen Gräben
Die Vorbereitungen hatten bereits Mitte 1915 begonnen, fast zwei Jahre vor der Schlacht. Britische, kanadische, australische und neuseeländische Pioniere, darunter spezialisierte Tunnelling Companies wie die 175th, 250th und 3rd Canadian Tunnelling Company, gruben kilometerlange Schächte unter die deutschen Linien. So entstanden acht Kilometer Stollen in Tiefen zwischen 15 und 30 Metern. Die Mineure kämpften mit feuchtem, lehmigem Boden, der ständig einzustürzen drohte, und mit der Gefahr, dass deutsche Gegenmineure ihre Tunnel entdeckten. Sapper Alfred Burr von der 175th Tunnelling Company schrieb in einem Brief an seine Familie: "Wir gruben im Dunkeln, nass bis auf die Knochen, und hörten die Deutschen über uns."
Chaos und Panik nach der Explosion
Unmittelbar sollen etwa 10.000 deutsche Soldaten gefallen sein. Ganze Kompanien wurden verschüttet oder in die Luft gesprengt, bevor sie begriffen, was geschah. Gefreiter Paul Schmidt von der 3. Bayerischen Division schrieb am nächsten Tag: "Plötzlich hob sich der Boden, und alles war verloren." Die psychologische Wirkung war gewaltig: Überlebende berichteten von Panik und Desorientierung, als der Boden unter ihren Stellungen verschwand.
Nach der Explosion begann die eigentliche Offensive. Mehr als 2000 Geschütze beschossen die deutschen Gräben, auch mit Giftgas wie Phosgen und Chlor. Neun alliierte Divisionen – darunter die 36th Ulster Division, die 16th Irish Division und die australische 3rd Division – stürmten in die verwüsteten deutschen Linien. Binnen weniger Stunden fielen die Dörfer Messines und Wijtschate. Am 14. Juni hatten die Alliierten den Höhenrücken gesichert, allerdings zu einem hohen Preis: Verluste in Höhe von etwa 25.000 Soldaten auf jeder Seite wurden verzeichnet. Harold Gillies vom Royal Army Medical Corps notierte in seinem Tagebuch: "Wir haben gesiegt, aber der Preis war zu hoch."
Ein durchschlagender Erfolg wurde die Offensive trotz der Minen nicht. George Adams von der 36th Ulster Division schrieb drei Tage später: "Es war ein großer Tag für uns, aber der Krieg blieb derselbe." Die Alliierten rückten ein wenig vor, fanden jedoch nicht in den Bewegungskrieg zurück. Nachdem der Wytschaete-Bogen besetzt war, kam es am 31. Juli zur dritten Flandernschlacht bei Passchendaele – sie tobte dreieinhalb Monate und führte abermals nur zu einem Vormarsch von acht Kilometern.
Noch liegen Minen bei Messines
Von den 26 Minen wurden nur 19 gesprengt. Eine wurde von den Deutschen entdeckt, zwei zündeten aufgrund technischer Fehler nicht, die anderen blieben ungenutzt, weil sich die Frontlinie verschoben hatte. Diese "verlorenen Minen" blieben eine tickende Zeitbombe: 1955 explodierte eine bei St. Eloi durch einen Blitzeinschlag und hinterließ einen Krater, dabei wurde eine Kuh getötet. Eine weitere, unter der La Petite Douve Farm, mit 25 Tonnen Sprengstoff, gilt als die größte ungeborgenen Sprengladung der Welt. Ihre genaue Lage ist unklar, sie wartet noch immer auf ihren Moment.
Mineure galten stets als besondere Sorte von Soldaten. Schon das Graben war gefährlich, Tunnel stürzten zusammen, Arbeiter erstickten oder wurden verschüttet. Wenn der Gegner die Grabungen erlauschen konnte, trieb er Gegenstollen voran, um den Angriffstunnel zu sprengen. Beide Seiten konnten sich dann graben hören, eine unglaubliche Nervenanspannung war die Folge. Manchmal brachen die Wände gegnerischer Tunnel einfach ein, dann kämpften die Mineure auf engstem Raum mit Hacken und Messern gegeneinander.
Die bekanntesten Mineure heute sind die Shelby-Brüder aus der Serie "Peaky Blinders". Laut der Serie dienten sie in der historischen 179. Tunnelling Company. Hauptperson Thomas Shelby und sein älterer Bruder Arthur werden darin immer wieder von der quälenden Erinnerung an die Kämpfe unter Tage verfolgt.